Wilhelm Dilthey

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Dieser Artikel behandelt den Philosophen Wilhelm Dilthey. Weitere TrÀger des Namens Dilthey siehe unter Dilthey (BegriffsklÀrung).
Wilhelm Dilthey um 1910
Wilhelm Dilthey um 1910

Wilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Wiesbaden-Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, SĂŒdtirol) war ein deutscher Philosoph, Psychologe und PĂ€dagoge.

Entgegen dem zu seiner Zeit stark verbreiteten Naturalismus entwickelte Dilthey ein lebensphilosophisches Fundament, welches das menschliche Leben und die Formen seines Ausdrucks nicht mehr nur nach Naturgesetzlichkeiten erklÀrte, sondern vielmehr die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens zu verstehen suchte.

Dilthey baute diesen Ansatz wissenschaftstheoretisch aus und formulierte in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eine Theorie der Geisteswissenschaften, als deren BegrĂŒnder er gilt. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie in wesentlicher Weise weiter.

Zur empirischen Anwendung brachte Dilthey seine Methoden in der Weltanschauungslehre, einem Deutungsschema fĂŒr die seiner Meinung nach gescheiterten Systeme der Metaphysik. In ihr versuchte Dilthey aufzuweisen, wie alle unterschiedlichen und sich widersprechenden metaphysischen Systeme ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben, zugleich kategorisierte er die historischen AnsĂ€tze nach verschiedenen „Typen der Weltanschauung“.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Wilhelm Dilthey wurde 1833, zwei Jahre nach dem Tod Hegels, als Sohn einer calvinistischen Predigerfamilie geboren. Er besuchte in Wiesbaden das Gymnasium und referierte dort 1852 zum Abitur das Thema „Über den Einfluß des griechischen Altertums auf die Jugend“. In Berlin (1853) und Heidelberg (1852) studierte er auf Wunsch seiner Eltern Theologie, Geschichte und Philosophie u.a. bei August Boeckh, Kuno Fischer, Leopold von Ranke und Friedrich Adolf Trendelenburg.

Dilthey zur Zeit seiner Verlobung
Dilthey zur Zeit seiner Verlobung

1856 legte er sein erstes theologisches Staatsexamen ab. Nach Abschluss der staatlichen SchulamtsprĂŒfung wurde er Lehrer am Französischen und Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. Im Jahre 1864 promovierte er mit einer lateinisch geschriebenen Arbeit ĂŒber die Ethik von Schleiermacher, habilitierte im gleichen Jahr ĂŒber das moralische Bewusstsein und wurde Privatdozent an der UniversitĂ€t Berlin.

In Basel erhielt er 1866 eine Professur. Es folgten Anstellungen in Kiel (1868–71) und Breslau (1871–82). 1870 erscheint der erste Band von „Das Leben Schleiermachers“, der Diltheys Ruf als historischen Geisteswissenschaftler begrĂŒndet. Diltheys Freundschaft mit Paul Yorck von Wartenburg begann. Mit dem Grafen von Yorck fĂŒhrte Dilthey fortab einen regen Briefwechsel, der seine Auseinandersetzung mit philosophisch-geisteswissenschaftlichen Themen wesentlich bestimmte.

An der UniversitĂ€t Berlin lehrte er von 1882 bis 1905, wo er den Lehrstuhl von Rudolf Hermann Lotze ĂŒbernahm, der kurz nach seinem Amtsantritt gestorben war. 1883 erschien der erste Band der „Einleitung in die Geisteswissenschaften“, den Dilthey dem Grafen von Yorck widmete. 1894 publizierte Dilthey die „Ideen ĂŒber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie“. Aufgrund einer scharfen Kritik Hermann Ebbinghauses an den „Ideen“, ließ Dilthey seine PlĂ€ne fĂŒr einen zweiten Band der „Einleitungen“ fallen.

1900 erschien der erste Band von Edmund Husserls „Logische Untersuchungen“. Dilthey setzte sich intensiv mit ihnen auseinander und nahm einige Korrekturen am eigenen Werk vor, die ihn zu einer systematischen WeiterfĂŒhrung der „Einleitung“ anregten. 1905 kam Husserl nach Berlin zu Dilthey zu Besuch. 1906 wurde Dilthey mit dem Erscheinen von „Das Erlebnis und die Dichtung“ auch ĂŒber den Kreis der Fachkollen hinaus bekannt. Eine Dilthey-Schule etablierte sich 1911 mit Erscheinen des Sammelbandes „Weltanschauung, Philosophie und Religion“, auf welche Husserl in scharfer Abgrenzung mit seinem Aufsatz „Philosophie als strenge Wissenschaft“ reagierte. Es folgte ein Briefwechsel zwischen beiden, der jedoch nicht zur KlĂ€rung der Differenzen beitrug. 1911 starb Dilthey in Seis nach Erkrankung an der Ruhr.

[Bearbeiten] Philosophie

[Bearbeiten] Grundlagen

[Bearbeiten] Ablösung vom Naturalismus

Der Naturalismus hat als Strömung seit dem 17. Jahrhundert dazu gefĂŒhrt, dass ein mechanisch-kausales NaturverstĂ€ndnis auch auf das Innenleben des Menschen ĂŒbertragen wurde, also seinem Geistes- und GefĂŒhlsvermögen die selben kausalen Gesetze unterstellt wurden, wie man sie bei der physikalischen Beschreibung der Natur vorfand. Kant hat versucht dieses Problem zu lösen, indem er die physikalische Natur als Naturbeschreibung durch die reine Vernunft auffasste. Diese Unterscheidung setzt eine Trennung von Ding an sich und Erscheinungen voraus. Dabei sind es laut Kant nur die Erscheinungen, welche der Verstand in der Anschauung erfassen kann und welchen sich KausalitĂ€t zusprechen lĂ€sst. Ob die KausalitĂ€t aber auch dem hinter der Erscheinung liegenden Ding an sich zukommt, bleibt ungewiss.

Diese ErklĂ€rung hat allerdings nicht dazu gefĂŒhrt, dass die Naturwissenschaft ihre Ergebnisse als Konstruktionsmittel und hypothetische Erkenntnisse wertete. Viel mehr fand die Auffassung, dass die Naturwissenschaften ihren Gegenstand unmittelbar erklĂ€ren könnten, einen ersten Höhepunkt im Positivismus und Naturalismus, wie ihn Comte und Mill vertraten. Hier ergab sich fĂŒr Dilthey das offensichtliche Problem, dass, wenn alle Vernunftprozesse kausal determiniert sind, auch die positivistische und naturalistische Auffassung des Menschen selbst determiniert ist. Damit hebt sich jedoch der Anspruch dieser Disziplinen auf Gewissheit selbst auf.

Diltheys Lösung besteht in der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, welche zugleich die Autonomie und Freiheit des Vernunftwesens Mensch wieder herstellen soll: Statt in den Naturzusammenhang band Dilthey den Menschen dabei in den Geschichts- und Kulturzusammenhang ein, innerhalb dessen sich seine geistige SpontaneitĂ€t zeigt und ausbildet. So wie Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft die erkenntnistheoretische Grundlage der Naturwissenschaften zu erklĂ€ren versuchte, bemĂŒhte sich Dilthey in seinem lebenslangen Projekt einer Kritik der historischen Vernunft, die Grundlage fĂŒr die von ihm so benannten Geisteswissenschaften zu legen. Der Titel einer historischen Vernunft zeigt dabei schon Diltheys Kritik an Kant an: Die Vernunft ist keine ĂŒberzeitliche und unverĂ€nderliche GrĂ¶ĂŸe eines individuellen Subjekts, sondern hat ihre AusprĂ€gung im Verlauf der Geschichte erfahren. In sie fließen also auch die geschichtlich gewordenen Handlungen und Praktiken des Kulturwesens Mensch mit ein. Diltheys grundsĂ€tzlich geschichtliche Orientierung ging dabei auf J.G. Droysens geschichtsphilosophische Vorstellungen des Historismus zurĂŒck. Die Kritik der historischen Vernunft bezieht sich jedoch nicht nur auf Kant, sondern erhebt Anspruch darauf, die gesamte Geschichte der Metaphysik zu betrachten. In Anlehnung an Hegels PhĂ€nomenologie des Geistes bezeichnete Dilthey sein Programm auch als PhĂ€nomenologie der Metaphysik. Anders als bei Hegel fĂŒhrte er den geschichtlichen Prozess nicht zu einem metaphysischen System des absoluten Wissens zusammen, welches schließlich absolute Gewissheit bietet sollte. Vielmehr nimmt seine Betrachtung den umgekehrten Weg, nĂ€mlich zu zeigen, wie sich eine Weltanschauung erst durch die vielen kleinen Gewissheiten ausprĂ€gt, die in der unmittelbaren Gewissheit des Erlebnises und des Lebens selbst wurzeln. Dieses dient ihm dann auch als Fundament zur BegrĂŒndung der Geisteswissenschaften. Ihr Ziel ist ein „Verstehen des Lebens und der Geschichte“.

[Bearbeiten] Lebensphilosophie

Nach dieser frĂŒhen persönlichen Ablösung vom Naturalismus und Positivismus suchte Dilthey ein neues Fundament, von dem aus das menschliche Leben in seiner ganzen Breite verstanden werden kann. Wesentliche AnsĂ€tze hierzu finden sich in seinen Ausarbeitungen zu einem geplanten, aber nie erschienenen zweiten Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), der sogenannten Breslauer Ausarbeitung, die bereits 1880 grĂ¶ĂŸtenteils ausformuliert vorlag.[1] Dilthey entwickelte hier mit Hinblick auf die deutsche idealistische Tradition seinen stark erweiterten Begriff des Bewusstseins als zentraler Instanz des Erlebens:

„Mein Bewußtsein ist der Ort, welcher diese ganze, scheinbar so unermeßliche Außenwelt einschließt, der Stoff, aus welchem alle Objekte, die sich in ihr stoßen, gewoben sind. So weit sich diese mir erscheinenden Objekte erstrecken, so weit erstreckt sich der Zusammenhang meiner Vorstellungen. Was in ihnen angetroffen wird, die HĂ€rte welche zertrĂŒmmert, die glĂŒhende Hitze, welche schmilzt, alles bin ins Innerste der Objekte ist Tatsache meines Bewußtseins, und das Ding ist sozusagen eine Zusammensetzung von solchen geistigen Tatsachen.“[2]

Allerdings ist das Bewusstsein fĂŒr Dilthey kein perzeptiver „Kasten“, in dem die Erlebnisse stattfinden. Diese Auffassung des Bewusstseins geht fĂŒr Dilthey auf eine verfehlte Orientierung an sprachlichen Strukturen zurĂŒck: Erst das substantivierte „Bewusstsein“ wird als ein Ding aufgefasst und verlangt dann nach einem PrĂ€dikat. Der Begriff des Bewusstseins ist fĂŒr Dilthey vielmehr aufweisend und nicht beschreibend.[3] In dieser Aufweisung des Bewusstseins als ganzem Tatbestand des Lebens liegt fĂŒr Dilthey die Überwindung einer Philosophie, die nur vom theoretischen Verstand ihren Ausgang nimmt und daher niemals den Gegensatz von Leib-Seele und Innenwelt-Außenwelt zu ĂŒberwinden vermag. Beides, Geist und Körper, Innen und Außen, ist immer schon durch das Bewusstsein verbunden, in dem all dies nur gegeben ist. Dabei laufen zwar die VorgĂ€nge der Ă€ußeren Welt unabhĂ€ngig von denen des Bewusstseins ab (als eigenstĂ€ndige physikalische Prozesse), sind aber immer nur da fĂŒr ein Bewusstsein: „In dieser Beziehung zu einer von mir unabhĂ€ngigen Außenwelt verlĂ€uft mein Leben.“[4] Dilthey macht also unseren Erfahrungsbefund in seiner ganzen Breite geltend und begreift den Lebensprozess als eine Einheit, bei der Erkennen, Vorstellen, Bewerten, FĂŒhlen, Handeln und Wollen immer schon[5] in Bezug zu einer Außenwelt stehen. Damit ist das rein erkennende Subjekt ĂŒberwunden:

„In den Adern des erkennenden Subjekts, das Locke, Hume und Kant konstruieren, rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdĂŒnnte Saft von Vernunft als bloßer DenktĂ€tigkeit. Mich fĂŒhrte aber historische wie psychologische BeschĂ€ftigung mit dem ganzen Menschen dahin, diesen, in der Mannigfaltigkeit seiner KrĂ€fte, dies wollend und fĂŒhlend vorstellende Wesen auch der ErklĂ€rung der Erkenntnis [
] zugrunde zu legen.“[6]

Die durch Descartes aufgekommene Idee eines Subjekts, das sich erst der Außenwelt versichern mĂŒsste, weist Dilthey durch den Hinweis auf das Erleben als Grundstruktur jeglicher RealitĂ€t zurĂŒck. Damit gibt es kein selbstgenĂŒgsames Subjekt mehr, auf welches lediglich gelegentlich Erfahrungen von außen einwirken, sondern alles, was geschieht, ist in einen Gesamtzusammenhang eingebunden, d.h. wird erlebt. Die cartesische Abtrennung von Subjekt und Außenwelt lĂ€ĂŸt sich hingegen nur theoretisch vollziehen, sie lĂ€sst sich nicht erleben.

„Das unauflösliche Erlebnis kann in seiner AllgemeingĂŒltigkeit am einfachsten dadurch zum Bewußtsein [sc. VerstĂ€ndnis] gebracht werden, daß ich mir die es aufhebende Behauptung vorstelle: möglicherweise existiere ĂŒberhaupt nichts; alsdann tritt mit unwiderstehlicher Kraft die RealitĂ€t vor mich, welche mit dem Bewußtsein damit, daß etwas fĂŒr mich da ist, verbunden ist.“[7] (Hervorhebung hinzugefĂŒgt.)

Damit ist das Erlebnis in seiner AllgemeingĂŒltigkeit aufgewiesen: es liegt aller RealitĂ€t zu Grunde. Das Erlebnis und der ganze Zusammenhang des Lebens ist es also, dem auch erst die „reine Vernunft“ entspringt. Diltheys Abkehr von Hegel und Kant besteht darin, dass es nicht mehr die logischen Denkgesetze sind, welche ĂŒber unsere Auffassung von Wirklichkeit herrschen und so „bildet nicht die in der Luft schwebende Evidenz des Denkens die Grundlage der Wissenschaft, sondern Wirklichkeit, volle, uns nĂ€chste und allerwichtigste Wirklichkeit.“ Und es entsteht die Aussicht „von diesem unmittelbaren Wissen ĂŒber die Wirklichkeit aus die Leistungen des Denkens [sc. Logik] verstĂ€ndlich zu machen.“[8]

Das unmittelbare Dasein von Bewusstseinsinhalten fĂŒr einen selbst und den in jeder Biographie der Person immer schon vorliegenden Zusammenhang dieser Inhalte nennt Dilthey Leben. Die Inhalte sind dabei nie einzeln, sondern immer ineinander verwoben, denn nichts Neues kann in diesen Zusammenhang treten, ohne sich in irgendeiner Form zu ihm in Bezug zu setzen. Mit seiner Auffassung des Bewusstseins als Leben und Erlebnis ĂŒberwand er drei SchwĂ€chen Ă€lterer Bewusstseinstheorien: Es gibt fĂŒr ihn

  1. keine isolierten Bewusstseinselemente (eine Theorie ĂŒber deren Zusammenhang wird ĂŒberflĂŒssig)
  2. keine Trennung von Bewusstsein und Außenwelt, also kein in sich verschlossenes Bewusstsein und
  3. keinen Leib-Seele-Dualismus.

In Bezug auf das Bewusstsein nannte Dilthey dann einen eingegrenzten Bereich dieses Lebens auch Erlebnis. Die Wirklichkeit ist dann genau dieses Leben als Zusammenhang von Erlebnissen. Wenn sie verstanden werden soll, so ist Verstehen nur als Bewegung von Leben zu Leben möglich. Das Verstehen schließt dabei nicht nur den Verstand mit ein, sondern die Gesamtheit der menschlichen GemĂŒtskrĂ€fte. Dilthey war damit um 1900 die Zentralfigur der so genannten Lebensphilosophie in Deutschland.

[Bearbeiten] BegrĂŒndung der Geisteswissenschaften

[Bearbeiten] Verstehen und ErklÀren

Nachdem Dilthey mit Leben und Bewusstsein ein fĂŒr alle menschlichen Erfahrungen und Verstehensprozesse (also auch die Wissenschaften) gemeinsamen Ursprung ausgemacht hatte, konnte er sich darauf konzentrieren, die Unterschiede zwischen den Naturwissenschaften und der historisch ausgerichteten Geisteswissenschaft auszuarbeiten. Hauptmoment dieser Unterscheidung ist Dilthey Annahme, dass die Naturwissenschaften VorgĂ€nge in der Natur erklĂ€ren, wĂ€hrend die Geisteswissenschaften historisch-kulturelle Geschehnisse zu verstehen versuchen. Dabei beruht das Verstehen in einem Nacherleben eines fremden Daseins, wie es sich in Schrift, Sprache, Gesten, Mimik, Kunst usf. ausdrĂŒckt. Dieser Prozess rezipiert jedoch nicht einfach passiv die ihm vorliegenden Symbole, sondern erfordert ein aktives Nacherleben.

Folgende GegenĂŒberstellung skizziert einige Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Es ist allerdings zu beachten, dass es Dilthey nie um eine vollkommen scharfe oder gar absolute Trennung beider Wissenschaften ging. (Siehe hierzu auch den Abschnitt Kritik.) Der spĂ€te Dilthey wĂ€hlte denn auch in „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ (1910) ein anderes Schema zur ErlĂ€uterung der Geisteswissenschaften (Erleben, Ausdruck, Verstehen), das weniger von der Abgrenzung gegen die Naturwissenschaften motiviert ist als aus dem Gegenstand der Geisteswissenschaften selber.

Naturwissenschaften – ErklĂ€ren Geisteswissenschaften – Verstehen
Gegenstand ist die Natur. Sie kann nur untersucht und beobachtet werden. Über die Ursachen natĂŒrlicher VorgĂ€nge werden Annahmen angestellt, ein Nacherleben ist nicht möglich. Sie hat die Erzeugnisse des menschlichen Geistes zum Gegenstand. Diese können, weil sie vom Menschen selbst hervorgebracht sind, verstanden werden.
VorgÀnge in der Natur werden als Spezialfall eines abstrakten allgemeinen Gesetzes aufgefasst. GegenstÀnde geisteswissenschaftlicher Untersuchung werden in ihrem konkreten Zusammenhang aufgefasst.
Naturwissenschaftliches Begreifen ist seinem Untersuchungsobjekt gegenĂŒber neutral und fĂŒr die Persönlichkeitsentwicklung von geringerer Bedeutung. Das Verstehen fremden Daseins, vergangener Kulturen und Persönlichkeiten fĂŒhrt zu einer Umformung des Selbst. Fremde geistige Inhalte werden in die eigenen lebendig einbezogen.
Eine Naturwissenschaftliche ErklÀrung ist verifizierbar. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse können nicht verifiziert werden. Ob etwas gÀnzlich verstanden ist, lÀsst sich nie mit Sicherheit feststellen.

[Bearbeiten] Hermeneutik

Als Methode der Geisteswissenschaften formulierte Dilthey in der Tradition Schleiermachers die Hermeneutik. Schleiermacher hat als erster die Hermeneutik von der bloßen Methode zur Textinterpretation befreit und allgemein fĂŒr das Gebiet des Verstehens geöffnet. Dilthey entwickelte diesen Gedanken weiter und zeigte, dass nicht nur je das Wort seine Bedeutung allein im Zusammenhang mit dem Text erhĂ€lt, sondern auch der Gedankengang, die literarische Gattung, Kapiteleinteilung usf. zu berĂŒcksichtigen sind. Diese Ausweitung nun ist laut Dilthey fĂŒr alle menschlichen LebensĂ€ußerungen notwendig, sollen diese verstanden werden. Bedeutung ist damit immer kontextabhĂ€ngig und niemals absolut. Menschliche Gesten, Kunstwerke, architektonischer Stil, Gesetze, Ordnungen, religiöse Vorstellungen sind nur im Sinnzusammenhang verstĂ€ndlich.

Nun ergibt sich fĂŒr die Hermeneutik laut Dilthey folgendes Problem: Im Versuch, das Einzelne durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen zu verstehen, wird vorausgesetzt, dass dieses Ganze schon bekannt ist. Andererseits soll ja gerade durch das Verstehen einzelner Aspekte der Zusammenhang des Ganzen erschlossen werden. Es ergibt sich also ein Zirkel: Das Einzelne erschließt sich aus dem Ganzen, das Ganze aus dem Einzelnen. Dilthey nannte dies den hermeneutischen Zirkel. Dieser war fĂŒr Dilthey kein Mangel, welcher der Methode anhaftet, sondern der Wesenszug des Verstehens: Verstehen ist so, dass es sich entlang dieses Zirkels bewegen muß. Wichtig ist also nicht, diesen Zirkel zu vermeiden, sondern nach der rechten Weise in ihn hineinzukommen. Genauer: der Zirkel kann gar nicht vermieden werden, da jegliches VerstĂ€ndnis auf ein VorverstĂ€ndnis aufbaut. Sinn kann nicht aus unzusammenhĂ€ngenden Einzelmomenten konstruiert werden. Sinnstrukturen sind Beziehungen die vor den einzelnen Elementen liegen. Dilthey hat dies in die berĂŒhmte Formel gebracht, daß das Denken nicht hinter das Leben zurĂŒckgehen kann.[9]

Die Hermeneutik weist also darauf hin, dass jede Tatsache, Einsicht oder Feststellung immer schon an ein vorangehendes VerstĂ€ndnis gebunden ist. Dies trifft, so Dilthey, auch auf die Naturwissenschaften zu. In diesem Sinne gibt es nicht, wie etwa die empiristischen Wissenschaftstheoretiker seiner Zeit glaubten, „Rohdaten“, die gĂ€nzlich frei von jeder Interpretation sind. Jeder naturwissenschaftlichen Beobachtung liegt also eine implizite oder explizite Theorie zu Grunde oder allgemeiner: ein VorverstĂ€ndnis der Sache.

Sah Dilthey anfangs noch das Erleben als Grundlage der Hermeneutik und das Verstehen als psychologische EinfĂŒhlung in die geistigen VorgĂ€nge eines Autors, so wich er spĂ€ter von diesem psychologischen Standpunkt ab und rĂŒckte die Begriffe des Ausdrucks und des Ausdrucksverstehens in den Mittelpunkt der geisteswissenschaftlichen Methodik: Die Geisteswissenschaften hĂ€tten die Aufgabe, den Zusammenhang zwischen Erleben, Ausdruck und Verstehen zu klĂ€ren. Dabei sei der Ausdruck eher Objektivation des allgemeinen Geistes eines Zeitalters als Erscheinungsform individueller Lebensimpulse eines Autors oder KĂŒnstlers.

An Diltheys Ausformulierung der Hermeneutik knĂŒpften im 20. Jahrhundert vor allem Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Paul Ricoeur an.

[Bearbeiten] Psychologie

Da die GegenstĂ€nde der Hermeneutik keine Naturprozesse und -dinge sind, sondern geistige Erzeugnisse, wurde fĂŒr Dilthey die Psychologie zur Grundlage der Hermeneutik. Allerdings meinte Dilthey hier nicht die aus der Naturwissenschaft entwickelte erklĂ€rende Psychologie. Diese schien ihm ungeeignet, da sie die Einheit des Bewusstseins auflöste und so den hermeneutischen Ansatz verfehlte, nĂ€mlich menschliche Äußerungen im Zusammenhang zu verstehen. FĂŒr Dilthey war es schlicht unmöglich, allein aus psychischen Einzeltatsachen und Verhaltensmustern nachtrĂ€glich den Zusammenhang des Ganzen zu rekonstruieren.

Eine verstehende Psychologie hat hingegen mit Erscheinungen zu tun, die erlebt werden können. Sie versucht nicht, ein einzelnes Erlebnis als Fall eines allgemeinen psychologischen Musters zu begreifen, sondern als individuelles Erlebnis jeweils zu verstehen als etwas, in welchem die VorgĂ€nge des gesamten GemĂŒts zusammenwirken. Damit ist diese Form der Psychologie weitestgehend eine beschreibende.

[Bearbeiten] Objektiver Geist

Dilthey hat seinen Ansatz der individualpsychologischen Betrachtungsweise spĂ€ter auch fĂŒr die BerĂŒcksichtigung objektiver Aspekte geöffnet, welche das Individuum beeinflussen. Dies geschah vor allem aufgrund seiner Auseinandersetzung mit Edmund Husserls „Logischen Untersuchungen I“ (1901) und seiner Arbeit zu Hegels Konzept des objektiven Geistes („Jugendgeschichte Hegels“, 1901-1906).[10] Seine Überlegungen schlagen sich in der Arbeit „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ (1910) nieder und ergĂ€nzen so das Programm einer Grundlegung der Geisteswissenschaften.

Da das Individuum ĂŒber die Ă€ußeren kulturellen, sozialen, religiösen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht verfĂŒgen kann, diese es aber in seinem Denken und Verhalten geistig beeinflussen, spricht Dilthey in Bezug auf sie vom „objektiven Geist“. Der objektive Geist besteht dabei aus „Schöpfungen des gemeinsamen Lebens“, wie sie sich in Regeln, Handlungsweisen, Werten und Zwecksetzungen niederschlagen. Um beispielsweise eine politische Entscheidung im Mittelalter zu verstehen, reicht es nicht, sich in die betroffenen EntscheidungstrĂ€ger zu versetzen, sondern man muss auch die ĂŒblichen Verfahrensweisen kennen, wissen, welche Werte die Zwecke bestimmten und welche Mittel hierfĂŒr traditionell als adĂ€quat galten.

Bei all dem ist natĂŒrlich der objektive Geist nichts, was an sich besteht, sondern er bedarf stets einer subjektiven Manifestation. Trotz dieser SubjektivitĂ€t hat der Geist allerdings ĂŒbersubjektiven Charakter; denn etwas, das im historischen Prozess gewachsen ist, steht nicht in der VerfĂŒgungsgewalt des einzelnen Subjekts. (Kein Mensch bringt allein die Sprache hervor, die er spricht, sondern er ĂŒbernimmt sie und sie hat nur Sinn als gemeinschaftliche Praxis.) Wesentliches Mittel zum VerstĂ€ndnis ist also wiederum eine historische Betrachtung. Mit diesem Ansatz wendete sich Dilthey auch gegen Hegel, von dem er den Begriff des objektiven Geistes ĂŒbernommen hatte:

„[D]ie Voraussetzungen, auf die Hegel diesen Begriff gestellt hat, können heute nicht mehr festgehalten werden. Er konstruierte die Gemeinschaften aus dem allgemeinen vernĂŒnftigen Willen. Wir mĂŒssen heute von der RealitĂ€t des Lebens ausgehen; im Leben ist die TotalitĂ€t des seelischen Zusammenhangs wirksam. Hegel konstruiert metaphysisch; wir analysieren das Gegebene.“[11]

GegenĂŒber Hegels Orientierung an der Manifestation einer objektiven Vernunft lĂ€sst Diltheys Ausrichtung auf den historischen Lebenszusammenhang alle Aspekte menschlichen Lebens zu – also auch die irrationalen. Damit ist das Reich des objektiven Geistes nicht gleichzusetzen mit ewigen Wahrheiten. Die aus dem gemeinschaftlichen Leben hervorgegangenen Schöpfungen sind geschichtlich kontingent und somit immer nur relativ auf den Zusammenhang, in welchen sie eingebettet sind:

„Die RelativitĂ€t jeder Art von menschlicher Auffassung ist das letzte Wort der historischen Denkanschauung, alles im Prozeß fließend, nichts bleibend.“[12]

[Bearbeiten] Erleben, Ausdruck, Verstehen

Im „Aufbau“ prĂ€zisierte Dilthey die Wissensform der Geisteswissenschaften anhand der Begriffe Erleben, Ausdruck, Verstehen.

„Die Menschheit wĂ€re, aufgefaßt in Wahrnehmung und Erkennen, fĂŒr uns eine physische Tatsache, und sie wĂ€re als solche nur dem naturwissenschaftlichen Erkennen zugĂ€nglich. Als Gegenstand der Geisteswissenschaften entsteht sie aber nur, sofern menschliche ZustĂ€nde erlebt werden, sofern sie in LebensĂ€ußerungen zum Ausdruck gelangen und sofern diese AusdrĂŒcke verstanden werden.“[13] (Hervorhebung hinzugefĂŒgt.)

Die Geisteswissenschaften gehen der Relation von Erleben, Ausdruck und Verstehen nach. Dilthey blieb allerdings eine wissenstheoretische KlĂ€rung dieser drei Begriffe und ihres Zusammenhangs schuldig. Dies kann man jedoch auch als Vorteil ansehen[14], wenn man zugleich bedenkt, dass Dilthey die Selbstreflexion des Geisteswissenschaftlers betonte: „Die Arbeit selbst, die in der Werkstatt der Geisteswissenschaft verrichtet wird, soll zur Besinnung erhoben werden.“[15]

Damit verflĂŒssigt sich die Theorie der Geisteswissenschaften und sie bekommt die Möglichkeit, sich durch Methodenreflexion dynamisch an ihren Gegenstand anzupassen – ganz wie dies auch die Naturwissenschaften tun, denn:

„Auch diese [sc. die Naturwissenschaften] haben ihren Gegenstand nicht in den EindrĂŒcken, wie sie in den Erlebnissen auftreten, sondern in den Objekten, welche das Erkennen schafft, um diese EindrĂŒcke sich konstruierbar zu machen. Hier wie dort wird der Gegenstand geschaffen aus dem Gesetz der TatbestĂ€nde selber. Darin stimmen beide Gruppen von Wissenschaften ĂŒberein.“[16]

Damit fĂ€llt auch die harte Unterscheidung (wie sie etwa der Neukantianismus vertrat) von historisch-beschreibender und systematisch-erklĂ€render Methode. Die historischen Geisteswissenschaften richten sich nicht nur auf ein SingulĂ€res (bspw. Frankfurt, Stuttgart, Bremen), sondern erfassen sehr wohl auch allgemeine Strukturen (bspw. die Stadt im Mittelalter). Dilthey erlĂ€uterte dies am Beispiel Bismarcks. Um ihn als Menschen zu verstehen, liegt eine FĂŒlle an Material vor: Briefe, AktenstĂŒcke, ErzĂ€hlungen, Berichte usf., wobei es jedoch nicht reicht, diese nur zu kombinieren, denn „um Menschen, Ereignisse, ZustĂ€nde als diesem Wirkungszusammenhang zugehörig zu erkennen, bedarf er [sc. der Geisteswissenschaftler] allgemeiner SĂ€tze. Sie liegen dann auch seinem VerstĂ€ndnis Bismarcks zugrunde.“[17] Sodann untersucht der Geisteswissenschaftler nicht nur die Person Bismarck, sondern auch die Lage und Bedingung eines preußischen Staates, das damals aktuelle politische Geschehen und wie dies auf Bismarcks Haltung und Handlungen zurĂŒckwirkt.

Um Bismarck also letztendlich zu verstehen, reicht es nicht aus, sich in ihn „hineinzufĂŒhlen“, sondern es mĂŒssen auch die objektiven Bedingungen mit in Betracht gezogen werden. Vom diesem VerhĂ€ltnis aus ergeben sich dann neue allgemeine SĂ€tze ĂŒber Bismarcks Person, mit denen der Geisteswissenschaftler weiter arbeiten kann. Dabei kommen zur Erfassung der objektiven historischen Bedingungen gerade nicht die historischen Geisteswissenschaften, sondern die systematischen Wirtschafts-, Kultur-, Rechts-, Sozial- und Politikwissenschaften in Anschlag und deren allgemeines Wissen, welches sie zur VerfĂŒgung stellen.

Damit lehnte Dilthey das von Ranke im Historismus aufgestellte Ideal einer reinen Beschreibung als unmögliche Forderung ab. Trotz allem bleibt eine Paradoxie: Dilthey gewann seine Wissenstheorie der Geisteswissenschaften erst im Hinblick auf ihren Gegenstand. Gerade wie dieser zu verstehen ist (nĂ€mlich der „Aufbau der geschichtlichen Welt“), soll die Geisteswissenschaft doch aber zuvor klĂ€ren. Nun verstĂ€rkte aber Dilthey zugleich das Eigenrecht und die IndividualitĂ€t der Geschichte, wenn er diese als Wirkungszusammenhang auffasste. Hierbei wird Geschichte verstanden als „Wirkungszusammenhang, der in sich selbst zentriert ist, in dem jeder einzelne in ihm enthaltene Wirkungszusammenhang durch die Setzung von Werten und die Realisierung von Zwecken seinen Mittelpunkt in sich selber hat, alle aber strukturell zu einem Ganzen verbunden sind.“[18] Das bedeutet, dass nun nicht mehr zwischen historischen Tatsachen, persönlichen Zwecken und allgemeinen Normen scharf getrennt wird, sondern diese alle nur im Zusammenhang sind und wirken. Diese gegenstĂ€ndliche Orientierung in Diltheys SpĂ€twerk fĂŒhrt zu einigen unbehobenen MĂ€ngeln. So ist etwa nicht einzusehen, wie aus beschreibenden SĂ€tzen des Historikers sich prĂ€skriptive Normen ableiten lassen sollen.[19] Somit steht die RelativitĂ€t jeder historisch dagewesenen Meinung und Weltanschauung der von Dilthey angestrebten AllgemeingĂŒltigkeit des historischen Bewusstseins gegenĂŒber. Letztere gewinnt ihr Recht erst als Emanzipation des Menschen von Religion und Metaphysik, der sodann vermag souverĂ€n „jedem Erlebnis seinen Gehalt abzugewinnen, sich ihm ganz hinzugeben, als wĂ€re kein System von Philosophie oder Glaube, das Menschen binden könnte.“[20]

[Bearbeiten] Weltanschauungslehre

[Bearbeiten] Nach dem Ende der Metaphysik

Dilthey sah sich 1887 vor den „TrĂŒmmern der Philosophie“: die „Systeme der Metaphysik sind gefallen“, sagte er in seiner Antrittsrede in der Akademie der Wissenschaften.[21] Der deutsche Idealismus habe mit Fichte, Schelling und Hegel den „letzten großartigen Versuch des menschlichen Geistes“ dargestellt, sich jedoch als nicht haltbar erwiesen.[22]

Trotz allem war Dilthey der Auffassung, dass man an diesen BemĂŒhungen nicht einfach vorbei gehen konnte. Er wollte ein VerstĂ€ndnis ĂŒber Denkungsart und Motive gewinnen, die zu den philosophiegeschichtlichen Entwicklungen gefĂŒhrt haben. Dilthey entwickelte dieses VerstĂ€ndnis jedoch nicht aus abstrakten Gesetzen des Denkens oder metaphysischen Annahmen, sondern durch den hermeneutischen Zugriff auf die Geschichte. Die verschiedenen religiösen, metaphysischen und auch wissenschaftlichen Systeme lassen sich dann als Weltanschauungen verstehen, die ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben.

Die Philosophie zu ihrer Einheit zurĂŒckzufĂŒhren, war eine Leidenschaft, die Diltheys ganzes Streben bestimmte. Einmal berichtete er von einem Traum, in welchem ihm die großen Philosophen in einem Saal erschienen; sie bildeten drei Gruppen: die Postivisten und Materialisten d'Alembert, Comte, Archimedes sammelten sich an einem Ende des Saals; sie spottetrn ĂŒber die Gruppe der Idealisten, in welcher sich Fichte, Schiller, Platon befanden. Abseits stand eine dritte Gruppe; diese redete ĂŒber die göttliche Harmonie des Universums; Spinoza, Leibniz, Hegel fanden sich in dieser Gruppe.

„[D]ie Ferne, die diese Gruppen trennte, wuchs mit jeder Sekunde – nun verschwand der Boden selbst zwischen ihnen – eine furchtbare feindliche Stimmung schien sie zu trennen – mich ĂŒberfiel eine seltsame Angst, daß die Philosophie dreimal oder vielleicht noch mehrere Male da zu sein schien – die Einheit meines eigenen Wesens schien zu zerreißen, da ich sehnsĂŒchtig bald zu dieser, bald zu jener Gruppe hingezogen ward und ich strebte an, sie zu behaupten.“[23]

Dieser Traum Diltheys, von dem er in hohem Alter rĂŒckblickend auf sein Lebenswerk erzĂ€hlte, zeigt wie sehr sein Herzblut daran hing, die Philosophie zurĂŒck zur Einheit zu fĂŒhren und damit die Philosophie ĂŒberhaupt als Philosophie zu behaupten. Was der Mensch sei, so Dilthey, dies sagt ihm nur die Geschichte. Es ist die „Leidenschaft des historischen Bewußtseins“, welche Dilthey antrieb und welche er seinen SchĂŒlern vermitteln wollte.

[Bearbeiten] Philosophie der Philosophie

Welche Rolle spielte die Philosophie im Laufe ihrer Geschichte, und welche Rolle kommt ihr heute zu? Eine Antwort auf diese Frage kann nach Dilthey nur durch eine geschichtliche Betrachtung in Kombination mit einer Bestandsaufnahme des aktuellen Weltzeitalters erfolgen. Dilthey sah das 19. und das kommende 20. Jahrhundert geprĂ€gt durch einen sich aus den positiven Wissenschaften erhebenden „Wirklichkeitssinn“, das Bewusstsein von der VerĂ€nderbarkeit gesellschaftlicher und sozialer Strukturen und einen zur AllgemeingĂŒltigkeit der Wissenschaften in krassem Widerspruch stehenden weltanschaulichen und ethischen Relativismus.

In diesem Zusammenhang bestimmte Dilthey programmatisch drei Aufgaben fĂŒr eine neue Philosophie:

  • Auch die positiven Wissenschaften haben ungeklĂ€rte Voraussetzungen, die es zu untersuchen und zu sichern gilt.
  • Der Philosophie kommt die Aufgabe zu, den Zusammenhang der Einzelwissenschaften zu klĂ€ren. Dies kann nicht durch diese selber geschehen, denn dann ergĂ€be sich höchstens eine hierarchische Konzeption, welche Dilthey ablehnte.
  • Die Philosophie muss Lebensphilosophie werden, wenn sie die gescheiterte Metaphysik zurĂŒckweist. AnsĂ€tze hierfĂŒr sah Dilthey im Werk Nietzsches, Richard Wagners, Tolstois und Schopenhauers. So „wie der scholastische Denker die FĂ€higkeit entwickelt, lange Reihen von SchlĂŒssen zu ĂŒberblicken, [
] so bildet sich in ihnen das Vermögen, die geheimen GĂ€nge, in denen die Seele dem GlĂŒck nachgeht [
] zur Darstellung zu bringen.“[24] Jedoch haben die genannten Autoren immer nur einzelne Momente und Einsichten herausgegriffen und verabsolutiert, womit sie sich wieder zu „Genossen der Metaphysik“ machten. Ihre Lebensphilosophie mag in ihren Grenzen richtig sein, wird jedoch ganz falsch, sobald sie „ihren Winkel fĂŒr die Welt hĂ€lt“.[25] Dilthey verstand seine Form von Lebensphilosophie daher nicht als eine, welche konkrete Aussagen trifft, sondern durch Vergleichung und geschichtliche Betrachtung der mannigfaltigen EntwĂŒrfe aus dem Relativen das AllgemeingĂŒltige extrahiert.

Dilthey entwickelte also kein neues philosophisches System, sondern eine „Philosophie der Philosophie“. Aufgabe dieser ist es, die Weltanschauungen zu verstehen, welche ĂŒberhaupt erst zu den metaphysischen Systemen gefĂŒhrt haben. Im Sinne von Diltheys Verwendung des Begriffs Psychologie könnte man dieses Programm also auch als „Psychologie der Metaphysik“ verstehen. Es kann dann dabei nicht mehr darum gehen, sich mit metaphysischen Argumenten auseinanderzusetzen, sondern die Systeme als Ausdruck einer weltanschaulichen Grundeinstellung zu begreifen. In dem Sinne kann man sagen, dass es sich mit metaphysischen Konzepten verhĂ€lt wie mit dem kĂŒnstlerischen Stil: Es lĂ€sst sich nicht sagen, ob dieser „wahr“ oder „falsch“ ist.

Von diesem Standpunkt der „Metaphilosophie“ aus wird im RĂŒckblick klar, dass die Aufgabe der Philosophie nicht mehr ĂŒber einen ihr zukommenden Inhalt definiert werden kann, beispielsweise als Erkenntnistheorie oder als Ethik. Auch anhand ihrer Methode kann die Philosophie nicht definiert werden, da diese sich nach der Sache zu richten hatte. Drei sich ĂŒber die Geschichte der Philosophie durchhaltende Eigenschaften lassen sich dennoch bestimmen:

  • Die Philosophie ist durch Selbstbesinnung, Besonnenheit und Reflexion gekennzeichnet. Sie versucht Rechenschaft ĂŒber das Denken abzugeben.
  • Die Philosophie richtet sich tendenziell auf einen Gesamtzusammenhang des Ganzen. Der philosophische Geist ĂŒberlĂ€sst kein Wissen der Vereinzelung, sondern integriert es in seine Gesamtschau.
  • Die Philosophie zielt auf AllgemeingĂŒltigkeit. Dies unterscheidet sie vor allem von Religion und Kunst.

Anhand dieser von Inhalt und Methode unabhĂ€ngigen Definition lĂ€sst sich nun die gesellschaftliche Funktion der von der Philosophie entwickelten metaphysischen Systeme bestimmen. So zeigt sich zunĂ€chst stets, anhand der Untersuchung der metaphysischen Konzepte, die dahinter liegende historische Weltanschauung. Die Philosophie versuchte also immer die Gesamtheit des Wissens in ein solches System einzuordnen und, dieser Erkenntnis entsprechend, eine Antwort auf die Frage „Wie soll ich handeln?“ zu liefern. Ein Versuch, der nach Dilthey freilich scheitern muss, denn sobald die Weltanschauung in metaphysische Systeme gepresst wird, verliert sie ihre RĂŒckbindung an den konkreten Lebenszusammenhang und die verselbstĂ€ndigten Abstraktionen fĂŒhren zu unauflösbaren Antinomien. Indem die Philosophie zugleich Rechenschaft ĂŒber ihr Vorgehen gibt, versucht sie das von ihr entwickelte System zur AllgemeingĂŒltigkeit zu erheben. Die Reflexion ihres eigenen Vorgehens hat jedoch eine innere GesetzmĂ€ĂŸigkeit, welche sich zwar nicht voraussagen lĂ€sst, deren Zusammenhang sich aber im historischen RĂŒckblick als notwendig enthĂŒllt; so wird der Wunsch nach AllgemeingĂŒltigkeit mit der Zeit zu dem Versuch fĂŒhren, die eigenen Aussagen zu begrĂŒnden; dies fĂŒhrt wiederum auf die Frage, wie erkenntnistheoretisch Wissen möglich ist usf.

Die „Philosophie der Philosophie“ untersucht nun diese GesetzmĂ€ĂŸigkeiten. Sie betrachtet die einzelnen philosophischen Systeme und erkennt, dass deren Struktur durch die gesellschaftliche Funktion der Philosophie bestimmt ist.

[Bearbeiten] Typen der Weltanschauung

Im historischen Bewusstsein und dem philosophiegeschichtlichen Überblick ĂŒber die Vielzahl der philosophischen EntwĂŒrfe sah Dilthey den NĂ€hrboden fĂŒr den Skeptizismus. Dieser schließt aus der „Anarchie der Systeme“ und deren WidersprĂŒchlichkeit untereinander, dass jegliche objektive Erkenntnis dem Menschen unmöglich ist. Dilthey versuchte nun nicht, die metaphysischen Systeme im einzelnen zu bewerten, sondern betonte deren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen. Der Mensch ist als sinnlich-leibliches Wesen immer in eine konkrete Welt eingebunden, aus der er seine Lebenserfahrungen schöpft. „Die letzte Wurzel der Weltanschauung ist das Leben.“[26] Diese Verwurzelung im Leben ist fĂŒr Diltheys Weltanschauungslehre zentral. Der „Hauptsatz der Weltanschauungslehre“ lautet daher: „Die Weltanschauungen sind nicht Erzeugnisse des Denkens. Sie entstehen nicht aus dem bloßen Willen der Erkenntnis. [
] Aus dem Lebensverhalten, der Lebenserfahrung, der Struktur unserer psychischen TotalitĂ€t gehen sie hervor.“[27] Nur aus dem Lebensvollzug heraus lassen sich die metaphysischen EntwĂŒrfe als Perspektivierungen ein und der selben Sache, nĂ€mlich des Lebens verstehen: „Das reine Licht der Wahrheit ist nur in verschieden gebrochenem Strahl fĂŒr uns zu erblicken.“[28]

Erst wenn diese Erfahrungen in rein abstrakten Prinzipien festgehalten werden sollen und sich so aus ihrem Ursprung, dem Lebenszusammenhang, lösen, entsteht die Metaphysik. Metaphysik ist daher die Annahme einer objektiven, vom menschlichen Lebenszusammenhang unabhĂ€ngig existierenden RealitĂ€t. Wenn nun der Skeptizismus aus der Vielzahl der philosophischen Systeme schließt, dass objektive Erkenntnis nicht möglich ist, so bleibt er gerade selbst in den metaphysischen Voraussetzungen befangen, welche er kritisierte. Er ĂŒbersieht nĂ€mlich die konkreten LebenszusammenhĂ€nge, aus denen heraus sich erst die abstrakten Systeme entwickelt haben.

Aber die Systeme lassen sich nicht nur durch ihre RĂŒckfĂŒhrung auf den Lebenszusammenhang verstehen; denn haben sie sich erst einmal verselbststĂ€ndigt, so gibt es innerhalb ihrer eine innere Bewegung des Geistes, die „innere Denkform“, welche sie bestimmt. Mit Hinsicht auf diese erweist sich die innere Notwendigkeit der Denkbewegung. Dilthey wollte hiermit einerseits an Kant anschließen, dessen Leistung er darin sah, gezeigt zu haben, wie sehr das Denken durch Kategorien, Begriffe und Schemata bestimmt ist. Andererseits knĂŒpfte Dilthey an Fichte an, dessen Verdienst er in der Betonung der Bewegung des Geistes verortete. Damit ergab sich fĂŒr Dilthey der Standpunkt, dass zwar Kategorien und Schemata das Denken bestimmen, diese aber nicht mehr wie bei Kant dem ĂŒberzeitlichen Subjekt eingeschrieben sind, sondern sich selbst in der Bewegung des Geistes ergeben. Wenn sich also metaphysische Systeme ausbilden, so geschieht dies nicht nach festen Gesetzen, wenngleich die innere Struktur der Systeme gewissen Regeln folgt. Eine „Philosophie der Philosophie“, wie sie Dilthey anstrebte, wird sich daher ihrerseits nicht wieder in dogmatischen Aussagen ergehen, sondern bleibt an das gebunden, was ihr aus der Geschichte zugetragen wird: „Wir kennen das Bildungsgesetz nicht, nach welchem aus dem Leben die Differenzierung der metaphysischen Systeme hervorgeht. Wenn wir uns der Auffassung der Weltanschauungstypen nĂ€hern wollen, so mĂŒssen wir uns an die Geschichte wenden.“[29]

Neben der Binnenstruktur des Denkens und den ihr gewissermaßen immanenten Regeln machte Dilthey zugleich auf die Grundstimmung aufmerksam, welche jeden Menschen in seinem Bezug zur Welt begleitet. Erst auf dem Grund dieser Gestimmtheit macht der Mensch seine Lebenserfahrungen, welche er nach und nach versucht, in ein sinnvolles Ganzes zu ordnen. Diese Grundstimmung findet sich auch in den philosophischen Systemen wieder. Dilthey sah in ihr sogar dasjenige, das die Systeme wesentlich „am Leben hĂ€lt“: „[E]in System ist eine Art von lebendigem Wesen, ein Organismus, vom Herzblut eines Philosophen genĂ€hrt, lebensfĂ€hig hierdurch, kĂ€mpfend mit anderen.“[30] Daher greifen Klassifikationen wie Idealismus, Materialismus, Monismus, Dualismus fĂŒr Dilthey stets zu kurz, da sie immer nur ein Moment dieses „lebendigen Organismus“ herausgreifen. Nur kraft dieser Grundstimmung tragen sich die von logischen WidersprĂŒchen durchklĂŒfteten Systeme ĂŒberhaupt durch die Geschichte weiter.

Entsprechend dieser lebensphilosophischen Ausrichtung sah Dilthey beispielsweise die metaphysischen EntwĂŒrfe der Neuzeit als Versuch, eine Welt- und Lebensansicht, wie sie sich bei Goethe und Schiller ausgebildet hatte, in den Bereich des Denkens zu retten und dort zu sichern: „Und nun sind die Systeme von Schelling, Hegel und Schleiermacher nur logisch und metaphysisch begrĂŒndete DurchfĂŒhrungen dieser von Lessing, Schiller und Goethe ausgebildeten Lebens- und Weltansichten.“[31]

Um also die philosophischen SystementwĂŒrfe als Ausdruck einer Weltanschauung und Grundstimmung zu verstehen, versuchte Dilthey verschiedene Klassifikationen der Hauptformen der Philosophie zu bestimmen, diese sind:

  • Naturalismus: Er bevorzugt den Sensualismus als Erkenntnistheorie, den Materialismus als Metaphysik. In seiner Grundstimmung (seinem „Herzblut“) ist er getragen vom Kampf gegen religiöse und spiritualistische Metaphysik.[32]
  • Idealismus der Freiheit: StimmungsmĂ€ĂŸig getragen als Gegenbewegung zum (deterministischen) Materialismus und dessen Verneinung der Freiheit des Geistes und dessen Werte bildet sich der Idealismus der Freiheit. Ausgehend von der frei handelnden Person bildet sich ein System, welches den Geist als in seinen Gesetzen unabhĂ€ngig von den mechanischen der Natur sieht. Vertreter sind beispielsweise Kant und Schiller.[33]
  • Objektiver Idealismus: Er ist von den beiden obigen gĂ€nzlich verschieden, indem er die universelle Harmonie des Weltganzen betont. Die Zusammenschau des Ganzen zeigt, wie dieses Ganze erst den einzelnen Teilen ihren Raum und Sinn gibt. Vertreter dieser Weltanschauung sind Goethe, Hegel und die Stoa.[34]

Dilthey wusste um die VorlĂ€ufigkeit dieser Klassifizierung und betont, dass es ihm mehr um die Methode geht, wie man zu dieser gelangt: Die drei Haupttypen werden allein durch historische Vergleichung ermittelt. Ihr historisches Auftreten ist nicht paradigmatisch vorherzusagen, sondern rĂŒckblickend zu ermitteln. Jedoch braucht es auch fĂŒr einen solchen Vergleich gewisse MaßstĂ€be. Diese können nicht im Voraus festgelegt werden, sondern ergeben sich mittels Intuition aus der langjĂ€hrigen BeschĂ€ftigung mit den einzelnen Systemen. Nicht eine feste Einteilung war Dilthey also wichtig, sondern das Verstehen als Prozess. (Dilthey fĂŒgte spĂ€ter noch einen weiteren Typus hinzu, den der naturalistisch-positivistischen Weltanschauung.)

Jede Weltanschauung formt sich nach Dilthey entsprechend gleicher Prinzipien und so kommt allen Weltanschauungen eine gemeinsame Struktur zu. Ausgangspunkt fĂŒr jede Weltanschauung ist dabei das Weltbild. Dieses entsteht durch grundlegende und rudimentĂ€re Erkenntnisse des Menschen, der in seinem Bezug zur Welt sich ein Bild von dieser macht. Noch bleiben aber die SinnzusammenhĂ€nge dieser Welt grob und nur lose verknĂŒpft. Erst indem der Mensch anfĂ€ngt, die erkannten Dinge um ihn herum zu ordnen und ihren Wert anhand ihrer NĂŒtzlichkeit fĂŒr seinen Lebensvollzug zu bestimmen, entstehen die ersten weitlĂ€ufigen Sinnstrukturen. Diese erheben sich dann durch weitere Abstraktion zu seiner Weltanschauung; in dieser wird festgelegt, welches die obersten Werte und Prinzipien sind, z. B. das Gute, und so wird ein Lebens- und Handlungsideal aufgestellt welches sich darauf richtet. Da sich dieser Prozess ĂŒber mehrere Generationen ziehen kann, ist die Weltanschauung ein Produkt der Geschichte.

[Bearbeiten] Wirkung und Rezeption

Diltheys Weltanschauungslehre hat im konsequenten und brutalen Relativismus Oswald Spenglers und dessen Werk Der Untergang des Abendlandes Niederschlag gefunden. Nach dem Vorbild der Typen der Weltanschauung unterscheidet Spengler hier verschiedene Lebensformen (theoretische, ökonomische, Àsthetische, soziale und religiöse).

Diltheys Konzeption der Hermeneutik als Verstehenstheorie und Methodologie der Geisteswissenschaften hatte großen Einfluss auf alle weiteren wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in denen es um die Abgrenzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ging. Als unmittelbare Nachfolger Diltheys gelten u.a. Hans Lipps, Herman Nohl, Theodor Litt, Eduard Spranger, Georg Misch und Erich Rothacker.

In Deutschland hat sich besonders Hans-Georg Gadamer mit seinem Werk in kritischer Absicht auseinandergesetzt. In vielerlei Hinsicht haben aber auch Theodor W. Adorno, Ernst Cassirer, Emilio Betti, Karl-Otto Apel und JĂŒrgen Habermas Anregungen von Dilthey erhalten. Leo Baeck promovierte 1895 bei Dilthey ĂŒber Spinoza mit dem Thema „Spinozas erste Einwirkungen auf Deutschland“.

Martin Heidegger greift in „Sein und Zeit“ Diltheys zentrales Thema der Geschichtlichkeit auf. Seine Arbeit sei, so Heidegger, „aus der Aneignung der Arbeit Diltheys erwachsen“.[35] Heidegger zitiert hierzu den philosophischen GesprĂ€chspartner Diltheys und langjĂ€hrigen Brieffreund, den Graf von Yorck: „[E]ine Selbstbesinnung, welche nicht auf ein abstraktes Ich, sondern auf die FĂŒlle meines Selbstes gerichtet ist, wird mich historisch bestimmt finden, wie die Physik mich kosmisch bestimmt erkennt. Gerade so wie Natur bin ich Geschichte.“[36] Auch das Konzept der Grundstimmung greift Heidegger auf. So ist es in „Sein und Zeit“ die Grundstimmung der Angst, welche den Menschen aus dem Dahinleben in der Uneigentlichkeit reißt und ihn angesichts Todes, also seiner Endlichkeit, zu einem eigentlichen Leben fĂŒhrt. Heidegger nimmt die Grundstimmung sogar so ernst, daß fĂŒr ihn ein Philosophieren nur aus der Grundstimmung möglich ist.[37] Der spĂ€te Heidegger wird die Scheu als Grundstimmung fĂŒr das Ereignis bestimmen.

[Bearbeiten] Kritik

An Diltheys Auffassung der Metaphysik kann kritisiert werden, daß er ihr die stillschweigende Annahme zu Grunde legt, metaphysische SĂ€tze seien ohne kognitive Bedeutung. Ebenso kann man bezweifeln, daß in metaphysischen Systemen tatsĂ€chlich „nur“ der Lebenszusammenhang einer der drei Weltanschauungstypen zum Ausdruck kommt.[38]

WĂ€hrend Wolfgang StegmĂŒller Diltheys Versuch kritisiert hat Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften zu unterscheiden[39], ging er Hans-Georg Gadamer nicht weit genug.[40] So bemĂ€ngelt Gadamer, dass sich Dilthey in seiner Formulierung der Geisteswissenschaften noch viel zu stark an den Naturwissenschaften orientiert. Gadamer hĂ€tte hingegen die Geisteswissenschaften lieber in die NĂ€he der Kunst gerĂŒckt.

Da alles Verstehen und Nachvollziehen fĂŒr Dilthey grundsĂ€tzlich nie gĂ€nzlich zu Ende zu bringen war (der hermeneutische Zirkel fĂŒhrt nicht zu einem Endpunkt völliger Gewissheit), lief er Gefahr jegliche ObjektivitĂ€t preiszugeben. Denn selbst wenn man das Verstehen als Nachvollziehen des objektiven Geistes auffasst, so war doch aber dieser nur als subjektive Manifestation tatsĂ€chlich vorhanden. Edmund Husserl hat denn auch entgegen Diltheys Weltanschauungslehre das Programm einer exakten Wissenschaft reaktiviert. In seiner Schrift „Philosophie als strenge Wissenschaft“ von 1911 versucht er den Begriff der Weltanschauung von dem der strengen Wissenschaft zu sondern und eine auf der phĂ€nomenologischen Methode basierende ĂŒberzeitliche Wissenschaft zu etablieren. Dabei betont er einerseits die Errungenschaften der Weltanschauungslehre, begrenzt deren Geltungs- und Anwendungsbereich jedoch auf die Bildung und Persönlichkeitsentwicklung des Individuums, wĂ€hrend hingegen die strenge Wissenschaft ĂŒberzeitlichen und ĂŒberindividuellen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Dilthey selbst hat den Vorwurf, er vertrete einen historischen Relativismus, in einem Brief an Husserl zurĂŒckgewiesen, in welchem er außerdem skeptizistische Konsequenzen seiner Philosophie ablehnt.[41]

Die relativistische Tendenz des hermeneutischen Ansatzes wurde Dilthey jedoch auch weiterhin vorgeworfen. Dies vor allem bezĂŒglich seiner Auffassung der Metaphysik als „Symbole verschiedener Seiten der Lebendigkeit“[42], womit Dilthey jede Aussage mit Anspruch auf objektive GĂŒltigkeit an vorrationale Strukturen rĂŒckbindet.

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Werke

  • Gesammelte Schriften, BĂ€nde I bis XXVI. Ab Band XV besorgt von Karlfried GrĂŒnder, ab Band XVIII zus. mit Frithjof Rodi, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 978-3-525-30330-6
  1. Band: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung fĂŒr das Studium der Gesellschaft und Geschichte
  2. Band: Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation
  3. Band: Studien zur Geschichte des deutschen Geistes. Leibniz und sein Zeitalter. Friedrich der Große und die deutsche AufklĂ€rung. Das achtzehnte Jahrhundert und die geschichtliche Welt
  4. Band: Die Jugendgeschichte Hegels und andere Abhandlungen zur Geschichte des Deutschen Idealismus
  5. Band: Die geistige Welt. Einleitung in die Philosophie des Lebens. Erste HĂ€lfte: Abhandlung zur Grundlegung der Geisteswissenschaften
  6. Band: Die geistige Welt. Einleitung in die Philosophie des Lebens. Zweite HĂ€lfte: Abhandlung zur Poetik, Ethik und PĂ€dagogik
  7. Band: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften
  8. Band: Weltanschauungslehre. Abhandlungen zur Philosophie der Philosophie
  9. Band: PĂ€dagogik. Geschichte und Grundlinien des Systems
  10. Band: System der Ethik
  11. Band: Vom Aufgang des geschichtlichen Bewußtseins
  12. Band: Zur preussischen Geschichte. Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit. Die Reorganisation des preussischen Staates. Das allgemeine Landrecht
  13. Band: Leben Schleiermachers. Erster Band
  14. Band: Leben Schleiermachers. Zweiter Band
  15. Band: Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Portraits und biographische Skizzen. Quellenstudien und Literaturberichte zur Theologie und Philosophie im 19. Jahrhundert
  16. Band: Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. AufsÀtze und Rezensionen aus Zeitungen und Zeitschriften 1859-1874
  17. Band: Zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Aus Â»Westermanns Monatsheften«: Literaturbriefe, Berichte zur Kunstgeschichte, Verstreute Rezensionen 1867-1884
  18. Band: Die Wissenschaft vom Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte. Vorarbeiten zur Einleitung in die Geisteswissenschaften (1865-1880)
  19. Band: Grundlegung der Wissenschaft vom Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte. Ausarbeitungen und EntwĂŒrfe zum zweiten Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften (ca. 1870-1895)
  20. Band: Logik und System der philosophischen Wissenschaften. Vorlesungen zur erkenntnistheoretischen Logik und Methodologie (1864-1903)
Bedeutende Einzelwerke
  • Über die Einbildungskraft der Dichter, 1878 (aus: Zeitschrift fĂŒr Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft)
  • Einleitung in die Geisteswissenschaften, 1883 (Digitalisat der Ausgabe 1922)
  • Die Entstehung der Hermeneutik, 1900
  • Das Erlebnis und die Dichtung, 1906; Kap. Goethe und die dichterische Phantasie
  • Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1910
  • Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den Metaphysischen Systemen, 1919
  • Die geistige Welt (Digitalisat)
  • Jugendgeschichte Hegels und andere Abhandlungen zur Geschichte des deutschen Idealismus (Digitalisat)
  • PĂ€dagogik. Geschichte und Grundlinie des Systems (Digitalisat)
  • Studien zur Geschichte des deutschen Geistes. Leibniz und sein Zeitalter, Friedrich der Grosse und die deutsche AufklĂ€rung, das achtzehnte Jahrhundert und die geschichtliche Welt (Digitalisat)
  • Vom Anfang des geschichtlichen Bewusstseins. JugendaufsĂ€tze und Erinnerungen (Digitalisat)
  • Zur preussischen Geschichte. Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit (Digitalisat)
Herausgeberschaft
  • Kants Werke
Korrespondenz
  • Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg 1877 - 1897, Reprint, Hildesheim 1995

[Bearbeiten] SekundÀrliteratur

  • Erwin Hufnagel: Wilhelm Dilthey. Hermeneutik als Grundlegung der Geisteswissenschaften. In: U. Nassen (Hrsg.): Klassiker der Hermeneutik, Paderborn 1982.
  • Ulrich Herrmann: Dilthey, Wilhelm. In: Theologische RealenzyklopĂ€die 8 (1981), S. 752-763
  • Matthias Jung: Dilthey zur EinfĂŒhrung. Junius Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3885069237
  • Hans-Ulrich Lessing: Die Idee einer Kritik der historischen Vernunft. Wilhelm Diltheys erkenntnistheoretisch-logisch-methodologische Grundlegung der Geisteswissenschaften. Alber, Freiburg / MĂŒnchen 1984. ISBN 3-495-47549-4
  • Hans-Ulrich Lessing: Wilhelm Diltheys 'Einleitung in die Geisteswissenschaften'. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001, ISBN 3534103939
  • Rudolf A. Makkreel: Dilthey. Philosoph der Geisteswissenschaften. (Übers. aus dem amerikanischen Englisch.), Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3518580882
Jahrbuch
  • Dilthey-Jahrbuch fĂŒr Philosophie und Geschichte der Geisteswissenschaften, hrsg. von Frithjof Rodi, Göttingen 1983ff.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. Manfred Riedel (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main 1970, Einleitung des Herausgebers, S. 13 unten.
  2. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. Gesammelte Schriften Band 19, S. 1f.
  3. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. In: Gesammelte Schriften. Band 19, S. 2f.
  4. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. In: Gesammelte Schriften. Band 19, S. 58. Hervorhebung hinzugefĂŒgt.
  5. ↑ Wie wir an unserer eigenen Biographie ablesen: „Soweit ich rĂŒckwĂ€rts meine frĂŒhesten Erinnerungen wieder zu beleben versuche: es sind GegenstĂ€nde [...] die jederzeit fĂŒr mich da waren.“ Gesammelte Schriften. Band 19, S. 58.
  6. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. I, S. XVIII.
  7. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. Gesammelte Schriften Band 19, S. 43.
  8. ↑ Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. Gesammelte Schriften Band 19, S. 41.
  9. ↑ Vgl. Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Vorrede zu Band V, S. 5. Auch Band VIII Übersicht meines Systems (1896/97), S. 184. und Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen von Yorck von Wartenburg, Halle 1923, S. 221.
  10. ↑ Dies geht zurĂŒck auf eine allgemein akzeptierte Interpretation von L. Landgrebe: Wilhelm Diltheys Theorie der Geisteswissenschaften. in: Jahrbuch fĂŒr Philosophie und phĂ€nomenologische Forschung. Halle 1928, und O. F. Bollnow: Dilthey. Eine EinfĂŒhrung in seine Philosophie. 1. Aufl., Leipzig 1936. Eine andere Auffassung vertritt Manfred Riedel (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main 1970, Einleitung des Herausgebers, S. 53ff. Riedel sieht im Einbezug des objektiven Geistes eine RĂŒckgang Diltheys auf seine ursprĂŒngliche erkenntniskritische Konzeption. Ebenfalls in diesem Zusammenhang sieht Riedel bei Dilthey Bestrebungen auch die Hermeneutik einer erkenntniskritischen Untersuchung zu unterziehen, d.h. sie selbst zu fundieren und nicht etwa den hermeneutischen Zirkel als Spezifikum allen Verstehens zu akzeptieren. (Vgl. a.a.O., S. 51.)
  11. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 150.
  12. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 8, S. 76.
  13. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 87.
  14. ↑ Vgl. Manfred Riedel (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main 1970, S. 66.
  15. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 305.
  16. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 85f.
  17. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 142.
  18. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 138.
  19. ↑ Vgl. hierzu Manfred Riedel (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main 1970, S. 76.
  20. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band 7, S. 290f..
  21. ↑ Zitiert nach B. Groethuysen (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, Stuttgart 1960, S. V.
  22. ↑ Zitiert nach B. Groethuysen (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, Stuttgart 1960, S. V.
  23. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre) Band VIII, Stuttgart 1960, S. 223.
  24. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre), Band VIII, Stuttgart 1960, S. 197.
  25. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre), Band VIII, Stuttgart 1960, S. 198.
  26. ↑ Zitiert nach B. Groethuysen (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, Stuttgart 1960, S. X.
  27. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre) Band VIII, Stuttgart 1960, S. 86
  28. ↑ Zitiert nach B. Groethuysen (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, Stuttgart 1960, S. XI.
  29. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre) Band VIII, Stuttgart 1960, S. 99
  30. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre) Band VIII, Stuttgart 1960, S. 35
  31. ↑ Zitiert nach B. Groethuysen (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, Stuttgart 1960, S. VI.
  32. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre). Band VIII, Stuttgart 1960, S. 100ff.
  33. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre). Band VIII, Stuttgart 1960, S. 107ff.
  34. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. (Weltanschauungslehre). Band VIII, Stuttgart 1960, S. 112ff.
  35. ↑ Martin Heidegger: Sein und Zeit. (GA 2), TĂŒbingen 2006, S. 397.
  36. ↑ Martin Heidegger: Sein und Zeit. (GA 2), TĂŒbingen 2006, S. 401.
  37. ↑ Vgl. Martin Heidegger: GA 29/30, S. 87.
  38. ↑ Heinrich Schmidinger, Wolfgang Röd, Rainer Thurnher: Geschichte der Philosophie Band XII, C.H. Beck Verlag, 2002, S. 126f.
  39. ↑ Vgl. Wolfgang StegmĂŒller: Walther von der Vogelweides Lied von der Traumliebe und Quasar 3 C 273. In id.: Rationale Rekonstruktion von Wissenschaft und ihrem Wandel. Stuttgart 1979 (Universal-Bibliothek 9938), S. 27-86.
  40. ↑ Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode: TĂŒbingen 1965, S. 225.
  41. ↑ Brief vom 29. Juni 1911 in: Fr. Rodi und H.-U. Lessing (Hrsg.): Materialien zur Philosophie Wilhelm Diltheys. Suhrkamp TB, Frankfurt am Main 1984, S. 103.
  42. ↑ Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften. Band VIII, S. 8.

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