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Wilhelm DiltheyWilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Wiesbaden-Biebrich; â 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, SĂŒdtirol) war ein deutscher Philosoph, Psychologe und PĂ€dagoge. Entgegen dem zu seiner Zeit stark verbreiteten Naturalismus entwickelte Dilthey ein lebensphilosophisches Fundament, welches das menschliche Leben und die Formen seines Ausdrucks nicht mehr nur nach Naturgesetzlichkeiten erklĂ€rte, sondern vielmehr die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens zu verstehen suchte. Dilthey baute diesen Ansatz wissenschaftstheoretisch aus und formulierte in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eine Theorie der Geisteswissenschaften, als deren BegrĂŒnder er gilt. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie in wesentlicher Weise weiter. Zur empirischen Anwendung brachte Dilthey seine Methoden in der Weltanschauungslehre, einem Deutungsschema fĂŒr die seiner Meinung nach gescheiterten Systeme der Metaphysik. In ihr versuchte Dilthey aufzuweisen, wie alle unterschiedlichen und sich widersprechenden metaphysischen Systeme ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben, zugleich kategorisierte er die historischen AnsĂ€tze nach verschiedenen âTypen der Weltanschauungâ.
[Bearbeiten] LebenWilhelm Dilthey wurde 1833, zwei Jahre nach dem Tod Hegels, als Sohn einer calvinistischen Predigerfamilie geboren. Er besuchte in Wiesbaden das Gymnasium und referierte dort 1852 zum Abitur das Thema âĂber den EinfluĂ des griechischen Altertums auf die Jugendâ. In Berlin (1853) und Heidelberg (1852) studierte er auf Wunsch seiner Eltern Theologie, Geschichte und Philosophie u.a. bei August Boeckh, Kuno Fischer, Leopold von Ranke und Friedrich Adolf Trendelenburg. 1856 legte er sein erstes theologisches Staatsexamen ab. Nach Abschluss der staatlichen SchulamtsprĂŒfung wurde er Lehrer am Französischen und Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. Im Jahre 1864 promovierte er mit einer lateinisch geschriebenen Arbeit ĂŒber die Ethik von Schleiermacher, habilitierte im gleichen Jahr ĂŒber das moralische Bewusstsein und wurde Privatdozent an der UniversitĂ€t Berlin. In Basel erhielt er 1866 eine Professur. Es folgten Anstellungen in Kiel (1868â71) und Breslau (1871â82). 1870 erscheint der erste Band von âDas Leben Schleiermachersâ, der Diltheys Ruf als historischen Geisteswissenschaftler begrĂŒndet. Diltheys Freundschaft mit Paul Yorck von Wartenburg begann. Mit dem Grafen von Yorck fĂŒhrte Dilthey fortab einen regen Briefwechsel, der seine Auseinandersetzung mit philosophisch-geisteswissenschaftlichen Themen wesentlich bestimmte. An der UniversitĂ€t Berlin lehrte er von 1882 bis 1905, wo er den Lehrstuhl von Rudolf Hermann Lotze ĂŒbernahm, der kurz nach seinem Amtsantritt gestorben war. 1883 erschien der erste Band der âEinleitung in die Geisteswissenschaftenâ, den Dilthey dem Grafen von Yorck widmete. 1894 publizierte Dilthey die âIdeen ĂŒber eine beschreibende und zergliedernde Psychologieâ. Aufgrund einer scharfen Kritik Hermann Ebbinghauses an den âIdeenâ, lieĂ Dilthey seine PlĂ€ne fĂŒr einen zweiten Band der âEinleitungenâ fallen. 1900 erschien der erste Band von Edmund Husserls âLogische Untersuchungenâ. Dilthey setzte sich intensiv mit ihnen auseinander und nahm einige Korrekturen am eigenen Werk vor, die ihn zu einer systematischen WeiterfĂŒhrung der âEinleitungâ anregten. 1905 kam Husserl nach Berlin zu Dilthey zu Besuch. 1906 wurde Dilthey mit dem Erscheinen von âDas Erlebnis und die Dichtungâ auch ĂŒber den Kreis der Fachkollen hinaus bekannt. Eine Dilthey-Schule etablierte sich 1911 mit Erscheinen des Sammelbandes âWeltanschauung, Philosophie und Religionâ, auf welche Husserl in scharfer Abgrenzung mit seinem Aufsatz âPhilosophie als strenge Wissenschaftâ reagierte. Es folgte ein Briefwechsel zwischen beiden, der jedoch nicht zur KlĂ€rung der Differenzen beitrug. 1911 starb Dilthey in Seis nach Erkrankung an der Ruhr. [Bearbeiten] Philosophie[Bearbeiten] Grundlagen[Bearbeiten] Ablösung vom NaturalismusDer Naturalismus hat als Strömung seit dem 17. Jahrhundert dazu gefĂŒhrt, dass ein mechanisch-kausales NaturverstĂ€ndnis auch auf das Innenleben des Menschen ĂŒbertragen wurde, also seinem Geistes- und GefĂŒhlsvermögen die selben kausalen Gesetze unterstellt wurden, wie man sie bei der physikalischen Beschreibung der Natur vorfand. Kant hat versucht dieses Problem zu lösen, indem er die physikalische Natur als Naturbeschreibung durch die reine Vernunft auffasste. Diese Unterscheidung setzt eine Trennung von Ding an sich und Erscheinungen voraus. Dabei sind es laut Kant nur die Erscheinungen, welche der Verstand in der Anschauung erfassen kann und welchen sich KausalitĂ€t zusprechen lĂ€sst. Ob die KausalitĂ€t aber auch dem hinter der Erscheinung liegenden Ding an sich zukommt, bleibt ungewiss. Diese ErklĂ€rung hat allerdings nicht dazu gefĂŒhrt, dass die Naturwissenschaft ihre Ergebnisse als Konstruktionsmittel und hypothetische Erkenntnisse wertete. Viel mehr fand die Auffassung, dass die Naturwissenschaften ihren Gegenstand unmittelbar erklĂ€ren könnten, einen ersten Höhepunkt im Positivismus und Naturalismus, wie ihn Comte und Mill vertraten. Hier ergab sich fĂŒr Dilthey das offensichtliche Problem, dass, wenn alle Vernunftprozesse kausal determiniert sind, auch die positivistische und naturalistische Auffassung des Menschen selbst determiniert ist. Damit hebt sich jedoch der Anspruch dieser Disziplinen auf Gewissheit selbst auf. Diltheys Lösung besteht in der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, welche zugleich die Autonomie und Freiheit des Vernunftwesens Mensch wieder herstellen soll: Statt in den Naturzusammenhang band Dilthey den Menschen dabei in den Geschichts- und Kulturzusammenhang ein, innerhalb dessen sich seine geistige SpontaneitĂ€t zeigt und ausbildet. So wie Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft die erkenntnistheoretische Grundlage der Naturwissenschaften zu erklĂ€ren versuchte, bemĂŒhte sich Dilthey in seinem lebenslangen Projekt einer Kritik der historischen Vernunft, die Grundlage fĂŒr die von ihm so benannten Geisteswissenschaften zu legen. Der Titel einer historischen Vernunft zeigt dabei schon Diltheys Kritik an Kant an: Die Vernunft ist keine ĂŒberzeitliche und unverĂ€nderliche GröĂe eines individuellen Subjekts, sondern hat ihre AusprĂ€gung im Verlauf der Geschichte erfahren. In sie flieĂen also auch die geschichtlich gewordenen Handlungen und Praktiken des Kulturwesens Mensch mit ein. Diltheys grundsĂ€tzlich geschichtliche Orientierung ging dabei auf J.G. Droysens geschichtsphilosophische Vorstellungen des Historismus zurĂŒck. Die Kritik der historischen Vernunft bezieht sich jedoch nicht nur auf Kant, sondern erhebt Anspruch darauf, die gesamte Geschichte der Metaphysik zu betrachten. In Anlehnung an Hegels PhĂ€nomenologie des Geistes bezeichnete Dilthey sein Programm auch als PhĂ€nomenologie der Metaphysik. Anders als bei Hegel fĂŒhrte er den geschichtlichen Prozess nicht zu einem metaphysischen System des absoluten Wissens zusammen, welches schlieĂlich absolute Gewissheit bietet sollte. Vielmehr nimmt seine Betrachtung den umgekehrten Weg, nĂ€mlich zu zeigen, wie sich eine Weltanschauung erst durch die vielen kleinen Gewissheiten ausprĂ€gt, die in der unmittelbaren Gewissheit des Erlebnises und des Lebens selbst wurzeln. Dieses dient ihm dann auch als Fundament zur BegrĂŒndung der Geisteswissenschaften. Ihr Ziel ist ein âVerstehen des Lebens und der Geschichteâ. [Bearbeiten] LebensphilosophieNach dieser frĂŒhen persönlichen Ablösung vom Naturalismus und Positivismus suchte Dilthey ein neues Fundament, von dem aus das menschliche Leben in seiner ganzen Breite verstanden werden kann. Wesentliche AnsĂ€tze hierzu finden sich in seinen Ausarbeitungen zu einem geplanten, aber nie erschienenen zweiten Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), der sogenannten Breslauer Ausarbeitung, die bereits 1880 gröĂtenteils ausformuliert vorlag.[1] Dilthey entwickelte hier mit Hinblick auf die deutsche idealistische Tradition seinen stark erweiterten Begriff des Bewusstseins als zentraler Instanz des Erlebens:
Allerdings ist das Bewusstsein fĂŒr Dilthey kein perzeptiver âKastenâ, in dem die Erlebnisse stattfinden. Diese Auffassung des Bewusstseins geht fĂŒr Dilthey auf eine verfehlte Orientierung an sprachlichen Strukturen zurĂŒck: Erst das substantivierte âBewusstseinâ wird als ein Ding aufgefasst und verlangt dann nach einem PrĂ€dikat. Der Begriff des Bewusstseins ist fĂŒr Dilthey vielmehr aufweisend und nicht beschreibend.[3] In dieser Aufweisung des Bewusstseins als ganzem Tatbestand des Lebens liegt fĂŒr Dilthey die Ăberwindung einer Philosophie, die nur vom theoretischen Verstand ihren Ausgang nimmt und daher niemals den Gegensatz von Leib-Seele und Innenwelt-AuĂenwelt zu ĂŒberwinden vermag. Beides, Geist und Körper, Innen und AuĂen, ist immer schon durch das Bewusstsein verbunden, in dem all dies nur gegeben ist. Dabei laufen zwar die VorgĂ€nge der Ă€uĂeren Welt unabhĂ€ngig von denen des Bewusstseins ab (als eigenstĂ€ndige physikalische Prozesse), sind aber immer nur da fĂŒr ein Bewusstsein: âIn dieser Beziehung zu einer von mir unabhĂ€ngigen AuĂenwelt verlĂ€uft mein Leben.â[4] Dilthey macht also unseren Erfahrungsbefund in seiner ganzen Breite geltend und begreift den Lebensprozess als eine Einheit, bei der Erkennen, Vorstellen, Bewerten, FĂŒhlen, Handeln und Wollen immer schon[5] in Bezug zu einer AuĂenwelt stehen. Damit ist das rein erkennende Subjekt ĂŒberwunden:
Die durch Descartes aufgekommene Idee eines Subjekts, das sich erst der AuĂenwelt versichern mĂŒsste, weist Dilthey durch den Hinweis auf das Erleben als Grundstruktur jeglicher RealitĂ€t zurĂŒck. Damit gibt es kein selbstgenĂŒgsames Subjekt mehr, auf welches lediglich gelegentlich Erfahrungen von auĂen einwirken, sondern alles, was geschieht, ist in einen Gesamtzusammenhang eingebunden, d.h. wird erlebt. Die cartesische Abtrennung von Subjekt und AuĂenwelt lĂ€Ăt sich hingegen nur theoretisch vollziehen, sie lĂ€sst sich nicht erleben.
Damit ist das Erlebnis in seiner AllgemeingĂŒltigkeit aufgewiesen: es liegt aller RealitĂ€t zu Grunde. Das Erlebnis und der ganze Zusammenhang des Lebens ist es also, dem auch erst die âreine Vernunftâ entspringt. Diltheys Abkehr von Hegel und Kant besteht darin, dass es nicht mehr die logischen Denkgesetze sind, welche ĂŒber unsere Auffassung von Wirklichkeit herrschen und so âbildet nicht die in der Luft schwebende Evidenz des Denkens die Grundlage der Wissenschaft, sondern Wirklichkeit, volle, uns nĂ€chste und allerwichtigste Wirklichkeit.â Und es entsteht die Aussicht âvon diesem unmittelbaren Wissen ĂŒber die Wirklichkeit aus die Leistungen des Denkens [sc. Logik] verstĂ€ndlich zu machen.â[8] Das unmittelbare Dasein von Bewusstseinsinhalten fĂŒr einen selbst und den in jeder Biographie der Person immer schon vorliegenden Zusammenhang dieser Inhalte nennt Dilthey Leben. Die Inhalte sind dabei nie einzeln, sondern immer ineinander verwoben, denn nichts Neues kann in diesen Zusammenhang treten, ohne sich in irgendeiner Form zu ihm in Bezug zu setzen. Mit seiner Auffassung des Bewusstseins als Leben und Erlebnis ĂŒberwand er drei SchwĂ€chen Ă€lterer Bewusstseinstheorien: Es gibt fĂŒr ihn
In Bezug auf das Bewusstsein nannte Dilthey dann einen eingegrenzten Bereich dieses Lebens auch Erlebnis. Die Wirklichkeit ist dann genau dieses Leben als Zusammenhang von Erlebnissen. Wenn sie verstanden werden soll, so ist Verstehen nur als Bewegung von Leben zu Leben möglich. Das Verstehen schlieĂt dabei nicht nur den Verstand mit ein, sondern die Gesamtheit der menschlichen GemĂŒtskrĂ€fte. Dilthey war damit um 1900 die Zentralfigur der so genannten Lebensphilosophie in Deutschland. [Bearbeiten] BegrĂŒndung der Geisteswissenschaften[Bearbeiten] Verstehen und ErklĂ€renNachdem Dilthey mit Leben und Bewusstsein ein fĂŒr alle menschlichen Erfahrungen und Verstehensprozesse (also auch die Wissenschaften) gemeinsamen Ursprung ausgemacht hatte, konnte er sich darauf konzentrieren, die Unterschiede zwischen den Naturwissenschaften und der historisch ausgerichteten Geisteswissenschaft auszuarbeiten. Hauptmoment dieser Unterscheidung ist Dilthey Annahme, dass die Naturwissenschaften VorgĂ€nge in der Natur erklĂ€ren, wĂ€hrend die Geisteswissenschaften historisch-kulturelle Geschehnisse zu verstehen versuchen. Dabei beruht das Verstehen in einem Nacherleben eines fremden Daseins, wie es sich in Schrift, Sprache, Gesten, Mimik, Kunst usf. ausdrĂŒckt. Dieser Prozess rezipiert jedoch nicht einfach passiv die ihm vorliegenden Symbole, sondern erfordert ein aktives Nacherleben. Folgende GegenĂŒberstellung skizziert einige Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Es ist allerdings zu beachten, dass es Dilthey nie um eine vollkommen scharfe oder gar absolute Trennung beider Wissenschaften ging. (Siehe hierzu auch den Abschnitt Kritik.) Der spĂ€te Dilthey wĂ€hlte denn auch in âDer Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaftenâ (1910) ein anderes Schema zur ErlĂ€uterung der Geisteswissenschaften (Erleben, Ausdruck, Verstehen), das weniger von der Abgrenzung gegen die Naturwissenschaften motiviert ist als aus dem Gegenstand der Geisteswissenschaften selber.
[Bearbeiten] HermeneutikAls Methode der Geisteswissenschaften formulierte Dilthey in der Tradition Schleiermachers die Hermeneutik. Schleiermacher hat als erster die Hermeneutik von der bloĂen Methode zur Textinterpretation befreit und allgemein fĂŒr das Gebiet des Verstehens geöffnet. Dilthey entwickelte diesen Gedanken weiter und zeigte, dass nicht nur je das Wort seine Bedeutung allein im Zusammenhang mit dem Text erhĂ€lt, sondern auch der Gedankengang, die literarische Gattung, Kapiteleinteilung usf. zu berĂŒcksichtigen sind. Diese Ausweitung nun ist laut Dilthey fĂŒr alle menschlichen LebensĂ€uĂerungen notwendig, sollen diese verstanden werden. Bedeutung ist damit immer kontextabhĂ€ngig und niemals absolut. Menschliche Gesten, Kunstwerke, architektonischer Stil, Gesetze, Ordnungen, religiöse Vorstellungen sind nur im Sinnzusammenhang verstĂ€ndlich. Nun ergibt sich fĂŒr die Hermeneutik laut Dilthey folgendes Problem: Im Versuch, das Einzelne durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen zu verstehen, wird vorausgesetzt, dass dieses Ganze schon bekannt ist. Andererseits soll ja gerade durch das Verstehen einzelner Aspekte der Zusammenhang des Ganzen erschlossen werden. Es ergibt sich also ein Zirkel: Das Einzelne erschlieĂt sich aus dem Ganzen, das Ganze aus dem Einzelnen. Dilthey nannte dies den hermeneutischen Zirkel. Dieser war fĂŒr Dilthey kein Mangel, welcher der Methode anhaftet, sondern der Wesenszug des Verstehens: Verstehen ist so, dass es sich entlang dieses Zirkels bewegen muĂ. Wichtig ist also nicht, diesen Zirkel zu vermeiden, sondern nach der rechten Weise in ihn hineinzukommen. Genauer: der Zirkel kann gar nicht vermieden werden, da jegliches VerstĂ€ndnis auf ein VorverstĂ€ndnis aufbaut. Sinn kann nicht aus unzusammenhĂ€ngenden Einzelmomenten konstruiert werden. Sinnstrukturen sind Beziehungen die vor den einzelnen Elementen liegen. Dilthey hat dies in die berĂŒhmte Formel gebracht, daĂ das Denken nicht hinter das Leben zurĂŒckgehen kann.[9] Die Hermeneutik weist also darauf hin, dass jede Tatsache, Einsicht oder Feststellung immer schon an ein vorangehendes VerstĂ€ndnis gebunden ist. Dies trifft, so Dilthey, auch auf die Naturwissenschaften zu. In diesem Sinne gibt es nicht, wie etwa die empiristischen Wissenschaftstheoretiker seiner Zeit glaubten, âRohdatenâ, die gĂ€nzlich frei von jeder Interpretation sind. Jeder naturwissenschaftlichen Beobachtung liegt also eine implizite oder explizite Theorie zu Grunde oder allgemeiner: ein VorverstĂ€ndnis der Sache. Sah Dilthey anfangs noch das Erleben als Grundlage der Hermeneutik und das Verstehen als psychologische EinfĂŒhlung in die geistigen VorgĂ€nge eines Autors, so wich er spĂ€ter von diesem psychologischen Standpunkt ab und rĂŒckte die Begriffe des Ausdrucks und des Ausdrucksverstehens in den Mittelpunkt der geisteswissenschaftlichen Methodik: Die Geisteswissenschaften hĂ€tten die Aufgabe, den Zusammenhang zwischen Erleben, Ausdruck und Verstehen zu klĂ€ren. Dabei sei der Ausdruck eher Objektivation des allgemeinen Geistes eines Zeitalters als Erscheinungsform individueller Lebensimpulse eines Autors oder KĂŒnstlers. An Diltheys Ausformulierung der Hermeneutik knĂŒpften im 20. Jahrhundert vor allem Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Paul Ricoeur an. [Bearbeiten] PsychologieDa die GegenstĂ€nde der Hermeneutik keine Naturprozesse und -dinge sind, sondern geistige Erzeugnisse, wurde fĂŒr Dilthey die Psychologie zur Grundlage der Hermeneutik. Allerdings meinte Dilthey hier nicht die aus der Naturwissenschaft entwickelte erklĂ€rende Psychologie. Diese schien ihm ungeeignet, da sie die Einheit des Bewusstseins auflöste und so den hermeneutischen Ansatz verfehlte, nĂ€mlich menschliche ĂuĂerungen im Zusammenhang zu verstehen. FĂŒr Dilthey war es schlicht unmöglich, allein aus psychischen Einzeltatsachen und Verhaltensmustern nachtrĂ€glich den Zusammenhang des Ganzen zu rekonstruieren. Eine verstehende Psychologie hat hingegen mit Erscheinungen zu tun, die erlebt werden können. Sie versucht nicht, ein einzelnes Erlebnis als Fall eines allgemeinen psychologischen Musters zu begreifen, sondern als individuelles Erlebnis jeweils zu verstehen als etwas, in welchem die VorgĂ€nge des gesamten GemĂŒts zusammenwirken. Damit ist diese Form der Psychologie weitestgehend eine beschreibende. [Bearbeiten] Objektiver GeistDilthey hat seinen Ansatz der individualpsychologischen Betrachtungsweise spĂ€ter auch fĂŒr die BerĂŒcksichtigung objektiver Aspekte geöffnet, welche das Individuum beeinflussen. Dies geschah vor allem aufgrund seiner Auseinandersetzung mit Edmund Husserls âLogischen Untersuchungen Iâ (1901) und seiner Arbeit zu Hegels Konzept des objektiven Geistes (âJugendgeschichte Hegelsâ, 1901-1906).[10] Seine Ăberlegungen schlagen sich in der Arbeit âDer Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaftenâ (1910) nieder und ergĂ€nzen so das Programm einer Grundlegung der Geisteswissenschaften. Da das Individuum ĂŒber die Ă€uĂeren kulturellen, sozialen, religiösen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht verfĂŒgen kann, diese es aber in seinem Denken und Verhalten geistig beeinflussen, spricht Dilthey in Bezug auf sie vom âobjektiven Geistâ. Der objektive Geist besteht dabei aus âSchöpfungen des gemeinsamen Lebensâ, wie sie sich in Regeln, Handlungsweisen, Werten und Zwecksetzungen niederschlagen. Um beispielsweise eine politische Entscheidung im Mittelalter zu verstehen, reicht es nicht, sich in die betroffenen EntscheidungstrĂ€ger zu versetzen, sondern man muss auch die ĂŒblichen Verfahrensweisen kennen, wissen, welche Werte die Zwecke bestimmten und welche Mittel hierfĂŒr traditionell als adĂ€quat galten. Bei all dem ist natĂŒrlich der objektive Geist nichts, was an sich besteht, sondern er bedarf stets einer subjektiven Manifestation. Trotz dieser SubjektivitĂ€t hat der Geist allerdings ĂŒbersubjektiven Charakter; denn etwas, das im historischen Prozess gewachsen ist, steht nicht in der VerfĂŒgungsgewalt des einzelnen Subjekts. (Kein Mensch bringt allein die Sprache hervor, die er spricht, sondern er ĂŒbernimmt sie und sie hat nur Sinn als gemeinschaftliche Praxis.) Wesentliches Mittel zum VerstĂ€ndnis ist also wiederum eine historische Betrachtung. Mit diesem Ansatz wendete sich Dilthey auch gegen Hegel, von dem er den Begriff des objektiven Geistes ĂŒbernommen hatte:
GegenĂŒber Hegels Orientierung an der Manifestation einer objektiven Vernunft lĂ€sst Diltheys Ausrichtung auf den historischen Lebenszusammenhang alle Aspekte menschlichen Lebens zu â also auch die irrationalen. Damit ist das Reich des objektiven Geistes nicht gleichzusetzen mit ewigen Wahrheiten. Die aus dem gemeinschaftlichen Leben hervorgegangenen Schöpfungen sind geschichtlich kontingent und somit immer nur relativ auf den Zusammenhang, in welchen sie eingebettet sind:
[Bearbeiten] Erleben, Ausdruck, VerstehenIm âAufbauâ prĂ€zisierte Dilthey die Wissensform der Geisteswissenschaften anhand der Begriffe Erleben, Ausdruck, Verstehen.
Die Geisteswissenschaften gehen der Relation von Erleben, Ausdruck und Verstehen nach. Dilthey blieb allerdings eine wissenstheoretische KlĂ€rung dieser drei Begriffe und ihres Zusammenhangs schuldig. Dies kann man jedoch auch als Vorteil ansehen[14], wenn man zugleich bedenkt, dass Dilthey die Selbstreflexion des Geisteswissenschaftlers betonte: âDie Arbeit selbst, die in der Werkstatt der Geisteswissenschaft verrichtet wird, soll zur Besinnung erhoben werden.â[15] Damit verflĂŒssigt sich die Theorie der Geisteswissenschaften und sie bekommt die Möglichkeit, sich durch Methodenreflexion dynamisch an ihren Gegenstand anzupassen â ganz wie dies auch die Naturwissenschaften tun, denn:
Damit fĂ€llt auch die harte Unterscheidung (wie sie etwa der Neukantianismus vertrat) von historisch-beschreibender und systematisch-erklĂ€render Methode. Die historischen Geisteswissenschaften richten sich nicht nur auf ein SingulĂ€res (bspw. Frankfurt, Stuttgart, Bremen), sondern erfassen sehr wohl auch allgemeine Strukturen (bspw. die Stadt im Mittelalter). Dilthey erlĂ€uterte dies am Beispiel Bismarcks. Um ihn als Menschen zu verstehen, liegt eine FĂŒlle an Material vor: Briefe, AktenstĂŒcke, ErzĂ€hlungen, Berichte usf., wobei es jedoch nicht reicht, diese nur zu kombinieren, denn âum Menschen, Ereignisse, ZustĂ€nde als diesem Wirkungszusammenhang zugehörig zu erkennen, bedarf er [sc. der Geisteswissenschaftler] allgemeiner SĂ€tze. Sie liegen dann auch seinem VerstĂ€ndnis Bismarcks zugrunde.â[17] Sodann untersucht der Geisteswissenschaftler nicht nur die Person Bismarck, sondern auch die Lage und Bedingung eines preuĂischen Staates, das damals aktuelle politische Geschehen und wie dies auf Bismarcks Haltung und Handlungen zurĂŒckwirkt. Um Bismarck also letztendlich zu verstehen, reicht es nicht aus, sich in ihn âhineinzufĂŒhlenâ, sondern es mĂŒssen auch die objektiven Bedingungen mit in Betracht gezogen werden. Vom diesem VerhĂ€ltnis aus ergeben sich dann neue allgemeine SĂ€tze ĂŒber Bismarcks Person, mit denen der Geisteswissenschaftler weiter arbeiten kann. Dabei kommen zur Erfassung der objektiven historischen Bedingungen gerade nicht die historischen Geisteswissenschaften, sondern die systematischen Wirtschafts-, Kultur-, Rechts-, Sozial- und Politikwissenschaften in Anschlag und deren allgemeines Wissen, welches sie zur VerfĂŒgung stellen. Damit lehnte Dilthey das von Ranke im Historismus aufgestellte Ideal einer reinen Beschreibung als unmögliche Forderung ab. Trotz allem bleibt eine Paradoxie: Dilthey gewann seine Wissenstheorie der Geisteswissenschaften erst im Hinblick auf ihren Gegenstand. Gerade wie dieser zu verstehen ist (nĂ€mlich der âAufbau der geschichtlichen Weltâ), soll die Geisteswissenschaft doch aber zuvor klĂ€ren. Nun verstĂ€rkte aber Dilthey zugleich das Eigenrecht und die IndividualitĂ€t der Geschichte, wenn er diese als Wirkungszusammenhang auffasste. Hierbei wird Geschichte verstanden als âWirkungszusammenhang, der in sich selbst zentriert ist, in dem jeder einzelne in ihm enthaltene Wirkungszusammenhang durch die Setzung von Werten und die Realisierung von Zwecken seinen Mittelpunkt in sich selber hat, alle aber strukturell zu einem Ganzen verbunden sind.â[18] Das bedeutet, dass nun nicht mehr zwischen historischen Tatsachen, persönlichen Zwecken und allgemeinen Normen scharf getrennt wird, sondern diese alle nur im Zusammenhang sind und wirken. Diese gegenstĂ€ndliche Orientierung in Diltheys SpĂ€twerk fĂŒhrt zu einigen unbehobenen MĂ€ngeln. So ist etwa nicht einzusehen, wie aus beschreibenden SĂ€tzen des Historikers sich prĂ€skriptive Normen ableiten lassen sollen.[19] Somit steht die RelativitĂ€t jeder historisch dagewesenen Meinung und Weltanschauung der von Dilthey angestrebten AllgemeingĂŒltigkeit des historischen Bewusstseins gegenĂŒber. Letztere gewinnt ihr Recht erst als Emanzipation des Menschen von Religion und Metaphysik, der sodann vermag souverĂ€n âjedem Erlebnis seinen Gehalt abzugewinnen, sich ihm ganz hinzugeben, als wĂ€re kein System von Philosophie oder Glaube, das Menschen binden könnte.â[20] [Bearbeiten] Weltanschauungslehre[Bearbeiten] Nach dem Ende der MetaphysikDilthey sah sich 1887 vor den âTrĂŒmmern der Philosophieâ: die âSysteme der Metaphysik sind gefallenâ, sagte er in seiner Antrittsrede in der Akademie der Wissenschaften.[21] Der deutsche Idealismus habe mit Fichte, Schelling und Hegel den âletzten groĂartigen Versuch des menschlichen Geistesâ dargestellt, sich jedoch als nicht haltbar erwiesen.[22] Trotz allem war Dilthey der Auffassung, dass man an diesen BemĂŒhungen nicht einfach vorbei gehen konnte. Er wollte ein VerstĂ€ndnis ĂŒber Denkungsart und Motive gewinnen, die zu den philosophiegeschichtlichen Entwicklungen gefĂŒhrt haben. Dilthey entwickelte dieses VerstĂ€ndnis jedoch nicht aus abstrakten Gesetzen des Denkens oder metaphysischen Annahmen, sondern durch den hermeneutischen Zugriff auf die Geschichte. Die verschiedenen religiösen, metaphysischen und auch wissenschaftlichen Systeme lassen sich dann als Weltanschauungen verstehen, die ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben. Die Philosophie zu ihrer Einheit zurĂŒckzufĂŒhren, war eine Leidenschaft, die Diltheys ganzes Streben bestimmte. Einmal berichtete er von einem Traum, in welchem ihm die groĂen Philosophen in einem Saal erschienen; sie bildeten drei Gruppen: die Postivisten und Materialisten d'Alembert, Comte, Archimedes sammelten sich an einem Ende des Saals; sie spottetrn ĂŒber die Gruppe der Idealisten, in welcher sich Fichte, Schiller, Platon befanden. Abseits stand eine dritte Gruppe; diese redete ĂŒber die göttliche Harmonie des Universums; Spinoza, Leibniz, Hegel fanden sich in dieser Gruppe.
Dieser Traum Diltheys, von dem er in hohem Alter rĂŒckblickend auf sein Lebenswerk erzĂ€hlte, zeigt wie sehr sein Herzblut daran hing, die Philosophie zurĂŒck zur Einheit zu fĂŒhren und damit die Philosophie ĂŒberhaupt als Philosophie zu behaupten. Was der Mensch sei, so Dilthey, dies sagt ihm nur die Geschichte. Es ist die âLeidenschaft des historischen BewuĂtseinsâ, welche Dilthey antrieb und welche er seinen SchĂŒlern vermitteln wollte. [Bearbeiten] Philosophie der PhilosophieWelche Rolle spielte die Philosophie im Laufe ihrer Geschichte, und welche Rolle kommt ihr heute zu? Eine Antwort auf diese Frage kann nach Dilthey nur durch eine geschichtliche Betrachtung in Kombination mit einer Bestandsaufnahme des aktuellen Weltzeitalters erfolgen. Dilthey sah das 19. und das kommende 20. Jahrhundert geprĂ€gt durch einen sich aus den positiven Wissenschaften erhebenden âWirklichkeitssinnâ, das Bewusstsein von der VerĂ€nderbarkeit gesellschaftlicher und sozialer Strukturen und einen zur AllgemeingĂŒltigkeit der Wissenschaften in krassem Widerspruch stehenden weltanschaulichen und ethischen Relativismus. In diesem Zusammenhang bestimmte Dilthey programmatisch drei Aufgaben fĂŒr eine neue Philosophie:
Dilthey entwickelte also kein neues philosophisches System, sondern eine âPhilosophie der Philosophieâ. Aufgabe dieser ist es, die Weltanschauungen zu verstehen, welche ĂŒberhaupt erst zu den metaphysischen Systemen gefĂŒhrt haben. Im Sinne von Diltheys Verwendung des Begriffs Psychologie könnte man dieses Programm also auch als âPsychologie der Metaphysikâ verstehen. Es kann dann dabei nicht mehr darum gehen, sich mit metaphysischen Argumenten auseinanderzusetzen, sondern die Systeme als Ausdruck einer weltanschaulichen Grundeinstellung zu begreifen. In dem Sinne kann man sagen, dass es sich mit metaphysischen Konzepten verhĂ€lt wie mit dem kĂŒnstlerischen Stil: Es lĂ€sst sich nicht sagen, ob dieser âwahrâ oder âfalschâ ist. Von diesem Standpunkt der âMetaphilosophieâ aus wird im RĂŒckblick klar, dass die Aufgabe der Philosophie nicht mehr ĂŒber einen ihr zukommenden Inhalt definiert werden kann, beispielsweise als Erkenntnistheorie oder als Ethik. Auch anhand ihrer Methode kann die Philosophie nicht definiert werden, da diese sich nach der Sache zu richten hatte. Drei sich ĂŒber die Geschichte der Philosophie durchhaltende Eigenschaften lassen sich dennoch bestimmen:
Anhand dieser von Inhalt und Methode unabhĂ€ngigen Definition lĂ€sst sich nun die gesellschaftliche Funktion der von der Philosophie entwickelten metaphysischen Systeme bestimmen. So zeigt sich zunĂ€chst stets, anhand der Untersuchung der metaphysischen Konzepte, die dahinter liegende historische Weltanschauung. Die Philosophie versuchte also immer die Gesamtheit des Wissens in ein solches System einzuordnen und, dieser Erkenntnis entsprechend, eine Antwort auf die Frage âWie soll ich handeln?â zu liefern. Ein Versuch, der nach Dilthey freilich scheitern muss, denn sobald die Weltanschauung in metaphysische Systeme gepresst wird, verliert sie ihre RĂŒckbindung an den konkreten Lebenszusammenhang und die verselbstĂ€ndigten Abstraktionen fĂŒhren zu unauflösbaren Antinomien. Indem die Philosophie zugleich Rechenschaft ĂŒber ihr Vorgehen gibt, versucht sie das von ihr entwickelte System zur AllgemeingĂŒltigkeit zu erheben. Die Reflexion ihres eigenen Vorgehens hat jedoch eine innere GesetzmĂ€Ăigkeit, welche sich zwar nicht voraussagen lĂ€sst, deren Zusammenhang sich aber im historischen RĂŒckblick als notwendig enthĂŒllt; so wird der Wunsch nach AllgemeingĂŒltigkeit mit der Zeit zu dem Versuch fĂŒhren, die eigenen Aussagen zu begrĂŒnden; dies fĂŒhrt wiederum auf die Frage, wie erkenntnistheoretisch Wissen möglich ist usf. Die âPhilosophie der Philosophieâ untersucht nun diese GesetzmĂ€Ăigkeiten. Sie betrachtet die einzelnen philosophischen Systeme und erkennt, dass deren Struktur durch die gesellschaftliche Funktion der Philosophie bestimmt ist. [Bearbeiten] Typen der WeltanschauungIm historischen Bewusstsein und dem philosophiegeschichtlichen Ăberblick ĂŒber die Vielzahl der philosophischen EntwĂŒrfe sah Dilthey den NĂ€hrboden fĂŒr den Skeptizismus. Dieser schlieĂt aus der âAnarchie der Systemeâ und deren WidersprĂŒchlichkeit untereinander, dass jegliche objektive Erkenntnis dem Menschen unmöglich ist. Dilthey versuchte nun nicht, die metaphysischen Systeme im einzelnen zu bewerten, sondern betonte deren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen. Der Mensch ist als sinnlich-leibliches Wesen immer in eine konkrete Welt eingebunden, aus der er seine Lebenserfahrungen schöpft. âDie letzte Wurzel der Weltanschauung ist das Leben.â[26] Diese Verwurzelung im Leben ist fĂŒr Diltheys Weltanschauungslehre zentral. Der âHauptsatz der Weltanschauungslehreâ lautet daher: âDie Weltanschauungen sind nicht Erzeugnisse des Denkens. Sie entstehen nicht aus dem bloĂen Willen der Erkenntnis. [âŠ] Aus dem Lebensverhalten, der Lebenserfahrung, der Struktur unserer psychischen TotalitĂ€t gehen sie hervor.â[27] Nur aus dem Lebensvollzug heraus lassen sich die metaphysischen EntwĂŒrfe als Perspektivierungen ein und der selben Sache, nĂ€mlich des Lebens verstehen: âDas reine Licht der Wahrheit ist nur in verschieden gebrochenem Strahl fĂŒr uns zu erblicken.â[28] Erst wenn diese Erfahrungen in rein abstrakten Prinzipien festgehalten werden sollen und sich so aus ihrem Ursprung, dem Lebenszusammenhang, lösen, entsteht die Metaphysik. Metaphysik ist daher die Annahme einer objektiven, vom menschlichen Lebenszusammenhang unabhĂ€ngig existierenden RealitĂ€t. Wenn nun der Skeptizismus aus der Vielzahl der philosophischen Systeme schlieĂt, dass objektive Erkenntnis nicht möglich ist, so bleibt er gerade selbst in den metaphysischen Voraussetzungen befangen, welche er kritisierte. Er ĂŒbersieht nĂ€mlich die konkreten LebenszusammenhĂ€nge, aus denen heraus sich erst die abstrakten Systeme entwickelt haben. Aber die Systeme lassen sich nicht nur durch ihre RĂŒckfĂŒhrung auf den Lebenszusammenhang verstehen; denn haben sie sich erst einmal verselbststĂ€ndigt, so gibt es innerhalb ihrer eine innere Bewegung des Geistes, die âinnere Denkformâ, welche sie bestimmt. Mit Hinsicht auf diese erweist sich die innere Notwendigkeit der Denkbewegung. Dilthey wollte hiermit einerseits an Kant anschlieĂen, dessen Leistung er darin sah, gezeigt zu haben, wie sehr das Denken durch Kategorien, Begriffe und Schemata bestimmt ist. Andererseits knĂŒpfte Dilthey an Fichte an, dessen Verdienst er in der Betonung der Bewegung des Geistes verortete. Damit ergab sich fĂŒr Dilthey der Standpunkt, dass zwar Kategorien und Schemata das Denken bestimmen, diese aber nicht mehr wie bei Kant dem ĂŒberzeitlichen Subjekt eingeschrieben sind, sondern sich selbst in der Bewegung des Geistes ergeben. Wenn sich also metaphysische Systeme ausbilden, so geschieht dies nicht nach festen Gesetzen, wenngleich die innere Struktur der Systeme gewissen Regeln folgt. Eine âPhilosophie der Philosophieâ, wie sie Dilthey anstrebte, wird sich daher ihrerseits nicht wieder in dogmatischen Aussagen ergehen, sondern bleibt an das gebunden, was ihr aus der Geschichte zugetragen wird: âWir kennen das Bildungsgesetz nicht, nach welchem aus dem Leben die Differenzierung der metaphysischen Systeme hervorgeht. Wenn wir uns der Auffassung der Weltanschauungstypen nĂ€hern wollen, so mĂŒssen wir uns an die Geschichte wenden.â[29] Neben der Binnenstruktur des Denkens und den ihr gewissermaĂen immanenten Regeln machte Dilthey zugleich auf die Grundstimmung aufmerksam, welche jeden Menschen in seinem Bezug zur Welt begleitet. Erst auf dem Grund dieser Gestimmtheit macht der Mensch seine Lebenserfahrungen, welche er nach und nach versucht, in ein sinnvolles Ganzes zu ordnen. Diese Grundstimmung findet sich auch in den philosophischen Systemen wieder. Dilthey sah in ihr sogar dasjenige, das die Systeme wesentlich âam Leben hĂ€ltâ: â[E]in System ist eine Art von lebendigem Wesen, ein Organismus, vom Herzblut eines Philosophen genĂ€hrt, lebensfĂ€hig hierdurch, kĂ€mpfend mit anderen.â[30] Daher greifen Klassifikationen wie Idealismus, Materialismus, Monismus, Dualismus fĂŒr Dilthey stets zu kurz, da sie immer nur ein Moment dieses âlebendigen Organismusâ herausgreifen. Nur kraft dieser Grundstimmung tragen sich die von logischen WidersprĂŒchen durchklĂŒfteten Systeme ĂŒberhaupt durch die Geschichte weiter. Entsprechend dieser lebensphilosophischen Ausrichtung sah Dilthey beispielsweise die metaphysischen EntwĂŒrfe der Neuzeit als Versuch, eine Welt- und Lebensansicht, wie sie sich bei Goethe und Schiller ausgebildet hatte, in den Bereich des Denkens zu retten und dort zu sichern: âUnd nun sind die Systeme von Schelling, Hegel und Schleiermacher nur logisch und metaphysisch begrĂŒndete DurchfĂŒhrungen dieser von Lessing, Schiller und Goethe ausgebildeten Lebens- und Weltansichten.â[31] Um also die philosophischen SystementwĂŒrfe als Ausdruck einer Weltanschauung und Grundstimmung zu verstehen, versuchte Dilthey verschiedene Klassifikationen der Hauptformen der Philosophie zu bestimmen, diese sind:
Dilthey wusste um die VorlĂ€ufigkeit dieser Klassifizierung und betont, dass es ihm mehr um die Methode geht, wie man zu dieser gelangt: Die drei Haupttypen werden allein durch historische Vergleichung ermittelt. Ihr historisches Auftreten ist nicht paradigmatisch vorherzusagen, sondern rĂŒckblickend zu ermitteln. Jedoch braucht es auch fĂŒr einen solchen Vergleich gewisse MaĂstĂ€be. Diese können nicht im Voraus festgelegt werden, sondern ergeben sich mittels Intuition aus der langjĂ€hrigen BeschĂ€ftigung mit den einzelnen Systemen. Nicht eine feste Einteilung war Dilthey also wichtig, sondern das Verstehen als Prozess. (Dilthey fĂŒgte spĂ€ter noch einen weiteren Typus hinzu, den der naturalistisch-positivistischen Weltanschauung.) Jede Weltanschauung formt sich nach Dilthey entsprechend gleicher Prinzipien und so kommt allen Weltanschauungen eine gemeinsame Struktur zu. Ausgangspunkt fĂŒr jede Weltanschauung ist dabei das Weltbild. Dieses entsteht durch grundlegende und rudimentĂ€re Erkenntnisse des Menschen, der in seinem Bezug zur Welt sich ein Bild von dieser macht. Noch bleiben aber die SinnzusammenhĂ€nge dieser Welt grob und nur lose verknĂŒpft. Erst indem der Mensch anfĂ€ngt, die erkannten Dinge um ihn herum zu ordnen und ihren Wert anhand ihrer NĂŒtzlichkeit fĂŒr seinen Lebensvollzug zu bestimmen, entstehen die ersten weitlĂ€ufigen Sinnstrukturen. Diese erheben sich dann durch weitere Abstraktion zu seiner Weltanschauung; in dieser wird festgelegt, welches die obersten Werte und Prinzipien sind, z. B. das Gute, und so wird ein Lebens- und Handlungsideal aufgestellt welches sich darauf richtet. Da sich dieser Prozess ĂŒber mehrere Generationen ziehen kann, ist die Weltanschauung ein Produkt der Geschichte. [Bearbeiten] Wirkung und RezeptionDiltheys Weltanschauungslehre hat im konsequenten und brutalen Relativismus Oswald Spenglers und dessen Werk Der Untergang des Abendlandes Niederschlag gefunden. Nach dem Vorbild der Typen der Weltanschauung unterscheidet Spengler hier verschiedene Lebensformen (theoretische, ökonomische, Ă€sthetische, soziale und religiöse). Diltheys Konzeption der Hermeneutik als Verstehenstheorie und Methodologie der Geisteswissenschaften hatte groĂen Einfluss auf alle weiteren wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in denen es um die Abgrenzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ging. Als unmittelbare Nachfolger Diltheys gelten u.a. Hans Lipps, Herman Nohl, Theodor Litt, Eduard Spranger, Georg Misch und Erich Rothacker. In Deutschland hat sich besonders Hans-Georg Gadamer mit seinem Werk in kritischer Absicht auseinandergesetzt. In vielerlei Hinsicht haben aber auch Theodor W. Adorno, Ernst Cassirer, Emilio Betti, Karl-Otto Apel und JĂŒrgen Habermas Anregungen von Dilthey erhalten. Leo Baeck promovierte 1895 bei Dilthey ĂŒber Spinoza mit dem Thema âSpinozas erste Einwirkungen auf Deutschlandâ. Martin Heidegger greift in âSein und Zeitâ Diltheys zentrales Thema der Geschichtlichkeit auf. Seine Arbeit sei, so Heidegger, âaus der Aneignung der Arbeit Diltheys erwachsenâ.[35] Heidegger zitiert hierzu den philosophischen GesprĂ€chspartner Diltheys und langjĂ€hrigen Brieffreund, den Graf von Yorck: â[E]ine Selbstbesinnung, welche nicht auf ein abstraktes Ich, sondern auf die FĂŒlle meines Selbstes gerichtet ist, wird mich historisch bestimmt finden, wie die Physik mich kosmisch bestimmt erkennt. Gerade so wie Natur bin ich Geschichte.â[36] Auch das Konzept der Grundstimmung greift Heidegger auf. So ist es in âSein und Zeitâ die Grundstimmung der Angst, welche den Menschen aus dem Dahinleben in der Uneigentlichkeit reiĂt und ihn angesichts Todes, also seiner Endlichkeit, zu einem eigentlichen Leben fĂŒhrt. Heidegger nimmt die Grundstimmung sogar so ernst, daĂ fĂŒr ihn ein Philosophieren nur aus der Grundstimmung möglich ist.[37] Der spĂ€te Heidegger wird die Scheu als Grundstimmung fĂŒr das Ereignis bestimmen. [Bearbeiten] KritikAn Diltheys Auffassung der Metaphysik kann kritisiert werden, daĂ er ihr die stillschweigende Annahme zu Grunde legt, metaphysische SĂ€tze seien ohne kognitive Bedeutung. Ebenso kann man bezweifeln, daĂ in metaphysischen Systemen tatsĂ€chlich ânurâ der Lebenszusammenhang einer der drei Weltanschauungstypen zum Ausdruck kommt.[38] WĂ€hrend Wolfgang StegmĂŒller Diltheys Versuch kritisiert hat Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften zu unterscheiden[39], ging er Hans-Georg Gadamer nicht weit genug.[40] So bemĂ€ngelt Gadamer, dass sich Dilthey in seiner Formulierung der Geisteswissenschaften noch viel zu stark an den Naturwissenschaften orientiert. Gadamer hĂ€tte hingegen die Geisteswissenschaften lieber in die NĂ€he der Kunst gerĂŒckt. Da alles Verstehen und Nachvollziehen fĂŒr Dilthey grundsĂ€tzlich nie gĂ€nzlich zu Ende zu bringen war (der hermeneutische Zirkel fĂŒhrt nicht zu einem Endpunkt völliger Gewissheit), lief er Gefahr jegliche ObjektivitĂ€t preiszugeben. Denn selbst wenn man das Verstehen als Nachvollziehen des objektiven Geistes auffasst, so war doch aber dieser nur als subjektive Manifestation tatsĂ€chlich vorhanden. Edmund Husserl hat denn auch entgegen Diltheys Weltanschauungslehre das Programm einer exakten Wissenschaft reaktiviert. In seiner Schrift âPhilosophie als strenge Wissenschaftâ von 1911 versucht er den Begriff der Weltanschauung von dem der strengen Wissenschaft zu sondern und eine auf der phĂ€nomenologischen Methode basierende ĂŒberzeitliche Wissenschaft zu etablieren. Dabei betont er einerseits die Errungenschaften der Weltanschauungslehre, begrenzt deren Geltungs- und Anwendungsbereich jedoch auf die Bildung und Persönlichkeitsentwicklung des Individuums, wĂ€hrend hingegen die strenge Wissenschaft ĂŒberzeitlichen und ĂŒberindividuellen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Dilthey selbst hat den Vorwurf, er vertrete einen historischen Relativismus, in einem Brief an Husserl zurĂŒckgewiesen, in welchem er auĂerdem skeptizistische Konsequenzen seiner Philosophie ablehnt.[41] Die relativistische Tendenz des hermeneutischen Ansatzes wurde Dilthey jedoch auch weiterhin vorgeworfen. Dies vor allem bezĂŒglich seiner Auffassung der Metaphysik als âSymbole verschiedener Seiten der Lebendigkeitâ[42], womit Dilthey jede Aussage mit Anspruch auf objektive GĂŒltigkeit an vorrationale Strukturen rĂŒckbindet. [Bearbeiten] Literatur[Bearbeiten] Werke
[Bearbeiten] SekundÀrliteratur
[Bearbeiten] Siehe auch[Bearbeiten] Weblinks
[Bearbeiten] Einzelnachweise
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