Medizinsoziologie

Die Medizinsoziologie, Gesundheitssoziologie oder Medizinische Soziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie und betrachtet medizinisches Handeln und Gesundheitsverhalten im gesellschaftlichen Zusammenhang.


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] NĂ€heres

Gesundheit und Krankheit verweisen nicht nur auf Funktion oder Fehlfunktion des Körpers, sondern sind vor allem auch ein PhÀnomen der individuellen Befindlichkeit. Das jeweils gegebene VerstÀndnis von Gesundheit und Krankheit ist durch gesellschaftliche Normen und Werte beeinflusst, ist Bestandteil der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit.

Gesundheit und Krankheit sind PhÀnomene, die in mindestens drei verschiedenen Bezugssystemen definiert werden, die sich aus einer psychologischen, einer medizinischen und einer soziologischen Perspektive ergeben.

  1. Bezugssystem der betroffenen Person: sich gesund oder krank fĂŒhlen, Reaktion auf wahrgenommene BeeintrĂ€chtigungen, KrankheitsbewĂ€ltigung
  2. Bezugssystem der Medizin: physiologische Regulation/Disregulation bzw. organische Funktion/Fehlfunktion (Befunde)
  3. Bezugssystem der Gesellschaft: Leistungsminderung, bzw. Notwendigkeit Hilfe zu gewĂ€hren, Analyse des Hilfesuchens im Krankheitsfall, soziale Definitionsprozesse bei (chronischer) Krankheit und Behinderung, soziale Rolle des Kranken, Organisation des „Krankheits-“ bzw. Gesundheitssystems

Im Bezugssystem der Gesellschaft analysiert die Medizinsoziologie

[Bearbeiten] Zur Geschichte

Die Medizinische Soziologie entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert aus der Beobachtung, dass gesellschaftliche Bedingungen und UmwelteinflĂŒsse eine wesentliche Bedeutung fĂŒr Krankheitsentwicklung haben. GegenwĂ€rtig werden jedoch weniger „weiche“ soziale Faktoren als Ursachen der Krankheitsentstehung angenommen. In Zeiten der EntschlĂŒsselung des menschlichen Genoms und großer Hoffnungen auf neue Therapieformen durch Genforschung werden insgesamt wieder stĂ€rker materialistische Faktoren, d. h. genetische Ursachen von Krankheiten favorisiert.

Aus der Medizinischen Soziologie der 1950er Jahre (J. J. Rohde, W. Schoene) hat sich inzwischen der Ansatz der Gesundheitssoziologie entwickelt. Dieser ist auf ein in den spĂ€ten 1980er-Jahren einsetzender Perspektivenwechsel zurĂŒckzufĂŒhren, welcher Gesundheit mit Begriffen wie Public Health und Salutogenese verbindet. Die weitgehende institutionelle Abkoppelung von den Sozialwissenschaften habe dazu beigetragen, dass sozialwissenschaftliche AnalyseansĂ€tze und Theorien in der Forschung unterreprĂ€sentiert seien. Inzwischen wĂŒrden jedoch in der Gesundheitssystemforschung beispielsweise mit der Anwendung der Regulationstheorie Gesundheitssystemforschung und in der PrĂ€ventionsforschung beispielsweise mit dem Bourdieuschen Habitus-Konzept wieder verstĂ€rkt soziologische Theorien einbezogen.[1]

[Bearbeiten] Als Studienfach

[Bearbeiten] EigenstÀndiges Studienfach

Das Studienfach "Gesundheitssoziologie" wird von mehreren Hochschulen zum Erwerb der Qualifikation des R.A.I.-Koordinators angeboten.

[Bearbeiten] Bestandteil des Medizinstudiums

Die „Medizinische Soziologie“ ist ein Fach des vorklinischen Studienabschnittes des Studiums der Humanmedizin. Es beschĂ€ftigt sich mit sozialen, psychosozialen und psychischen Faktoren von Gesundheitsstörungen und deren medizinischer Betreuung einschließlich PrĂ€vention, Therapie und Rehabilitation, und untersucht ZusammenhĂ€nge zwischen Gesundheit einerseits und genetischen Faktoren, UmwelteinflĂŒssen, Lebensstilvariablen, sozialem Milieu und der medizinischen Versorgung andererseits.

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Monographien und AufsÀtze

  • Lars Clausen: „Offene Fragen der Seuchensoziologie“, in: Ders. Krasser sozialer Wandel, Opladen: Leske + Budrich 1994, S. 51-61, ISBN 3-8100-1141-X
  • Uta Gerhardt: Ideas about illness. An intellectual and political history of medical sociology, New York, NY: New York Univ. Press, 1989
  • Bernhard Borgetto, Bernhard Mann, Christian Janßen: Soziologische Theorien in der medizinsoziologischen Versorgungsforschung. In: Christian Janßen, Bernhard Borgetto, GĂŒnther Heller (Hrsg.) Medizinsoziologische Versorgungsforschung. Theoretische AnsĂ€tze, Methoden, Instrumente und empirische Befunde. Weinheim und MĂŒnchen: Juventa 2007, ISBN 978-3-7799-1148-7
  • Bernhard Mann: Krankenhaussoziologie und Gesundheitswesen. In: Soziologische Revue, Jahrgang 27, 2004, S. 480-491, ISSN 0343-4109
  • Michael Schillmeier / Wiebke Pohler: Kosmo-politische Ereignisse. Zur sozialen Topologie von SARS. In: Soziale Welt, 2006, H. 4, S. 331-349
  • Johannes Siegrist: Medizinische Soziologie, MĂŒnchen: Urban und Schwarzenberg Verlag 1995, ISBN 3-541-06385-8
  • Alf Trojan, Hanneli Dohner (Hrsg.): Gesellschaft, Gesundheit, Medizin - Erkundungen, Analysen und Ergebnisse, Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2004, ISBN 3-935964-01-3
  • Heiko Waller, Sozialmedizin, 4. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer 1997, ISBN 3-17-014200-3
  • Claus Wendt, Christof Wolf (Hrsg.): Soziologie der Gesundheit. Kölner Zeitschrift fĂŒr Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderhefte Bd. 46, VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften 2006, ISBN 3-531-15296-3
  • Irving Kenneth Zola, "Medicine as an institution of social control" in: Sociological Review 1972:4:487-504.

[Bearbeiten] Zeitschriften

  • Sociology of Health & Illness

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Quellen

  1. ↑ Thomas Gerlinger: Historische Entwicklung und theoretische Perspektiven der Gesundheitssoziologie, in: Kölner Zeitschrift fĂŒr Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 46, 2006, S. 34-56.

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