Lebensphilosophie

Lebensphilosophie ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Richtung der Philosophie, die in Frankreich von Henri Bergson und in Deutschland von Wilhelm Dilthey als Gegenentwurf zu den Naturwissenschaften und der einseitigen Betonung der RationalitÀt entwickelt wurde. Das Werden des Lebens, die Ganzheitlichkeit kann demnach nicht allein mit Begriffen und Logik erfasst und beschrieben werden. Zu einem umgreifenden Leben gehören ebenso nicht-rationale, kreative und dynamische Elemente.

Von der Lebensphilosophie kategorial abzugrenzen ist der Vitalismus verstanden als biologische Kategorie. Dem Vitalismus zufolge entsteht Leben nicht aus toter Materie, sondern es gibt eine eigenstĂ€ndige Lebenskraft (Entelechie). Der Lebensphilosophie ist dabei ihr antisystematischer Charakter eigentĂŒmlich. Sie ist eine das PhĂ€nomen des Lebens erklĂ€rende metaphysische Lehre. Diese Kritik des Rationalismus und der AufklĂ€rung findet sich grundlegend schon bei Schopenhauer und Nietzsche, die daher teils ebenfalls als BegrĂŒnder einer Lebensphilosophie angesehen werden, ohne dass sie den Terminus verwendeten. Die Lebensphilosophie beeinflusste direkt vor allem die Vertreter der Existenzphilosophie.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Wurzeln

Die Wurzeln der Lebensphilosophie liegen in einer Unterscheidung der Schule nach Christian Wolff, welche von der theoretischen Schulphilosophie jene Philosophie unterscheidet, die aus dem Leben selbst kommend auf das praktische Leben zielt. Lebens- und Weltweisheit waren im ausgehenden 18. Jahrhundert in höheren Gesellschaftskreisen Modebegriffe. Die Lebensphilosophie war weniger eine spezifische philosophische Lehre als eine bestimmte kulturelle Stimmung, die weite Teile der Intelligenz beeinflusste. Charakteristisch fĂŒr diese Lebensphilosophie steht Goethes Vers:

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grĂŒn des Lebens goldner Baum.“

– Johann Wolfgang von Goethe: Faust I

Zuspruch erhielt die Lebensphilosophie in der romantischen Bewegung. FĂŒr Romantiker wie Novalis ist nicht die Vernunft, sondern das dem Leben enger verwandte FĂŒhlen und Glauben vorrangig. Als erklĂ€rter Gegner dieser Salonphilosophie trat 1794 Immanuel Kant mit einer Schrift Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht fĂŒr die Praxis in Erscheinung.

Die Lebens- und Weltweisheiten werden hÀufig in Aphorismen dargestellt.

Zu höherer Beachtung verhalfen der Lebensphilosophie 1827 Friedrich Schlegels gegen die Systemphilosophen Kant und Hegel gerichteten Vorlesungen ĂŒber die Philosophie des Lebens.

Besonders um die Wende vom 19. Jahrhundert auf das 20. Jahrhundert war sie in Deutschland und Frankreich eine Modeströmung.

[Bearbeiten] Lebensphilosophie als Fachbegriff


Zu einem philosophischen Fachbegriff wird die Lebensphilosophie erst am Ende des 19. Jahrhunderts durch Wilhelm Dilthey und Henri Bergson ausgebaut.

[Bearbeiten] Wilhelm Dilthey

Das Leben ist fĂŒr Wilhelm Dilthey (1833–1911) eine Grundtatsache. Ein zentraler Begriff seiner Philosophie ist das Erlebnis. Dilthey wendet sich vor allem gegen die deterministische naturwissenschaftliche Variante von John Stuart Mill, Herbert Spencer und andern. Erleben ist ein Erleben von ZusammenhĂ€ngen, die nicht einfach in Einzelelemente zergliedert werden können. Diltheys Interesse galt vor allem geschichtlichen Betrachtungen. Hierzu fĂŒhrte er die heute noch ĂŒbliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ein. WĂ€hrend das wissenschaftliche Prinzip der ersteren das des ErklĂ€rens ist, muss in den Geisteswissenschaften das Prinzip des Verstehens zugrunde gelegt werden.

Die Naturwissenschaften versuchen aus einzelnen PhĂ€nomenen eine allgemeine Regel zu finden. In den Geisteswissenschaften befasst man sich hingegen gerade mit dem einzelnen PhĂ€nomen wie einem historischen Ereignis oder einer Biographie. Ein Eckpunkt der Philosophie Diltheys ist der Zusammenhang von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen. Das Prinzip und die Theorie des Verstehens, die Hermeneutik, ist dabei nicht nur auf Texte anzuwenden, sondern auch auf Kunstwerke, religiöse Vorstellungen oder Rechtsprinzipien. Im Verstehen wirkt nicht nur das kognitive Denken, sondern auch das emotive Wollen und FĂŒhlen des Betrachters. Es bedarf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die z. B. durch eine analytische Psychologie, die Einzelaspekte untersucht, nicht geleistet werden könne. In Folge der Gedanken Diltheys entwickelte sich die Gestaltpsychologie, die vor allem deskriptiv angelegt ist.

[Bearbeiten] Henri Bergson

Henri Bergson (1859–1941) sieht einen Unterschied zwischen der erlebten Zeit als Seelenzustand und der analytischen Zergliederung der Naturwissenschaft, der eine am Raum orientierte Vorstellung zu Grunde liege. Der Mensch nimmt direkt StrukturzusammenhĂ€nge wahr, die unteilbar seien. Dementsprechend ist fĂŒr ihn die naturwissenschaftlich analytische Psychologie, die einzelne psychische Elemente zu erfassen sucht, nicht geeignet, ein Gesamtbild eines Seelenzustandes zu erfassen. Bewusstsein könne man nur qualitativ erfassen. Physikalisch gemessene Zeit ist dagegen determiniert und kausal. Erlebte Zeit als Dauer sei die Voraussetzung fĂŒr Freiheit. Wahrnehmung erfolgt ursprĂŒnglich in Bildern und enthĂ€lt immer zugleich Erinnerung und BedĂŒrfnis, also Vergangenheit und Zukunft. Auch zur Erkenntnis des ganzheitlichen Wesens von Dingen bedarf es demnach der ergĂ€nzenden Intuition.

[Bearbeiten] Hans Driesch

Hans Driesch (1867–1941) stellte aufgrund seiner biologischen Forschungen fest, dass Keime, die gespalten werden, sich wieder zu vollwertigen neuen Keimen ausbilden. Hieraus schloss er, dass es in der Natur eine nicht kausal bestimmte Naturkraft gebe, die er zwar in terminologischer Anlehnung an Aristoteles, begrifflich aber in erklĂ€rtem Gegensatz zu diesem Entelechie nannte. Aufgrund seiner Auffassungen gilt Driesch als Vertreter des Neovitalismus.

[Bearbeiten] Ludwig Klages

Ludwig Klages (1872–1956) betonte die Leibseelische Einheit und deren Gegensatz zum Geist (Ratio) andererseits. „Der Takt wiederholt, der Rhythmus erneuert.“ Im Denken des Geistes lösen wir fĂŒr einen endlichen Moment den Gegenstand aus seiner phĂ€nomenalen Wirklichkeit, aus einem stetigen raumzeitlichen Kontinuum. Von der Ausbildung her Chemiker, stand Klages als Philosoph und Dichter den Naturwissenschaften kritisch gegenĂŒber. Erkenntnistheorie war fĂŒr ihn Wissenschaft des Bewusstseins. An Nietzsche schĂ€tzte er die Aufdeckung von SelbsttĂ€uschung, WertfĂ€lschungen und kompensatorischen Idealen, lehnte aber dessen Erkenntnistheorie grundlegend ab. Durch sein ganzheitliches Leben mit stĂ€ndigem Einsatz fĂŒr den Naturschutz gilt er als einer der UrvĂ€ter der modernen Ökologiebewegung.

[Bearbeiten] Georg Simmel

FĂŒr Georg Simmel (1858–1918) enthĂ€lt das Erkennen Kategorien a priori, die jedoch im Zuge der Evolution und der Person eine Entwicklung durchmachen. Im Erkennen wird das Chaos der Erlebnisse geordnet. Unser individuelles Denken kann aber nicht die Einheitlichkeit der TotalitĂ€t voll erfassen. Ideen, wie beispielsweise Wahrheit, sind von der Psyche unabhĂ€ngig. Die Vorstellung der Wahrheit veranlasst den Menschen zu nĂŒtzlichem Verhalten entsprechend den Lebensanforderungen. Wahr ist, was sich in der Selektion im Laufe der Evolution bewĂ€hrt habe und zweckmĂ€ĂŸig sei. Das Sollen ist eine ursprĂŒngliche Kategorie, wenn auch in der Praxis die Inhalte wechseln. In ihm kommt der Wille der Gattung zum Ausdruck. Altruismus ist Egoismus der Gattung. Simmel war neben seiner philosophischen TĂ€tigkeit auch einer der BegrĂŒnder der Soziologie.

[Bearbeiten] Literatur

  • Berdjajew, Nikolaj: Das Ich und die Welt der Objekte, Darmstadt 1951
  • Bergson, Henri: Materie und GedĂ€chtnis und andere Schriften, Frankfurt a. M. 1964
  • Boethius: Trost der Philosophie (2005), ISBN 3423342412
  • Bollnow, Otto Friedrich: Die Lebensphilosophie, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1958
  • Epiktet: Das Buch vom geglĂŒckten Leben (2005), ISBN 3423342439
  • Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie, Reinbek b. Hamburg 1993
  • Gautama Buddha: Die Reden des Buddha (2005), ISBN 3423342420
  • GraciĂĄn, Baltasar: GraciĂĄns Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 1862
  • Klages, Ludwig: Mensch und Erde, 5. Aufl. Jena 1937
  • Laotse: Tao te king. Das Buch vom Sinn und Leben (2005), ISBN 3423342471
  • Lessing, Theodor: Europa und Asien. Der Untergang der Erde am Geist, 5. Aufl. Leipzig 1930
  • Nietzsche, Friedrich: Ecce homo (2005), ISBN 3423342498
  • Ortega y Gasset, JosĂ©: Der Aufstand der Massen, Reinbek 1956
  • Seneca: Von der KĂŒrze des Lebens (2005), ISBN 342334251X
  • Simmel, Georg: Lebensanschauung, MĂŒnchen/Leipzig 1918
  • Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1851
  • Voltaire: Candide oder Der Optimismus (2005), ISBN 3423342528
  • Vogt, Bernd: Die Logik des Lebens (2006), ISBN 978-3981001501


Wiktionary
 Wiktionary: Lebensphilosophie â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

[Bearbeiten] Siehe auch

Rudolf Eucken, Oswald Spengler, Georg Misch, Erich Rothacker, Theodor Litt, Jose Ortega y Gasset, Otto Friedrich Bollnow, Eduard Spranger, Ernst Troeltsch, Heinrich Rickert


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