Gregory Bateson

Gregory Bateson (* 9. Mai 1904 in Grantchester; † 4. Juli 1980 in San Francisco) war angloamerikanischer Anthropologe, Biologe, Sozialwissenschaftler, Kybernetiker und Philosoph. Seine Arbeitsgebiete umfassten anthropologische Studien, das Feld der Kommunikationstheorie und Lerntheorie, genauso wie Fragen der Erkenntnistheorie, Naturphilosophie, Ökologie oder der Linguistik. Bateson behandelte diese wissenschaftlichen Gebiete allerdings nicht als getrennte Disziplinen, sondern als verschiedene Aspekte und Facetten, in denen seine systemisch-kybernetische Denkweise zum Tragen kommt.

Batesons Gedanken und Arbeiten waren vor allem geprĂ€gt von philosophischen Überlegungen Platons, psychologischen Überlegungen Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs, der Typentheorie Bertrand Russells sowie von Kybernetikern wie Norbert Wiener, Warren McCulloch, John von Neumann und Claude Shannon mit seiner Informationstheorie. Bateson seinerseits hatte großen Einfluss auf die System- und Familientherapie und beeinflusste verschiedene theoretische Strömungen in der Soziologie und Anthropologie und gilt als Vordenker des Neurolinguistischen Programmierens.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Biographie

Gregory Bateson wurde am 9. Mai 1904 in Grantchester, England, als dritter Sohn des Genetikers William Bateson geboren. 1922 begann Gregory Bateson an der UniversitĂ€t von Cambridge zunĂ€chst Zoologie, ab 1925 Anthropologie zu studieren, bereiste im Rahmen des Studiums Neu-Guinea und schloss es mit einer Dissertation ĂŒber einen neu-guineischen Stamm namens Iatmul, die 1932 in der Zeitschrift Oceania abgedruckt wurde, ab. SpĂ€ter reiste Bateson erneut zu den Iatmul nach Neu-Guinea. Es entstand sein erstes Buch mit dem Titel Naven. A Survey of the Problems suggested bye a Composite Picture of the Culture of a New Guinea Tribe drawn from Three Points of View.

In jener Zeit auf Neu-Guinea machte Bateson erstmals Bekanntschaft mit der Antropologin Margaret Mead, die er drei Jahre spĂ€ter heiratete. Ihre Forschungen im Jahre 1936 auf Bali mit Fokus auf die balinesische Charakterbildung, mĂŒndeten in einem fĂŒr jene Zeit in seinem Medium wegweisenden Bericht; Die Untersuchungen stĂŒtzten sich primĂ€r auf filmische und photographische Dokumentation. 1938 kam ihre gemeinsame Tochter Mary Catherine Bateson zur Welt. Sie wurde spĂ€ter Ethnologin und schrieb ihre Erinnerungen an die Eltern in ihrem Buch Mit den Augen einer Tochter nieder. Ein Jahr spĂ€ter siedelte die Familie in die USA ĂŒber - Bateson arbeitete fortan als Sozialwissenschaftler, ab 1942 in den Wirren des Zweiten Weltkriegs fĂŒr das Office of Strategic Services in Indien, China, Burma, Ceylon. Nach dem Krieg war Bateson Gastprofessor an der New School for Social Research in New York, an der Harvard University, der University of California Medical School in San Francisco und am Veterans Administrations Hospital, wo er ethnographische Interviews mit Psychiatern fĂŒhrte. 1951 heiratete er ein zweites Mal. Diese zweite Ehe hielt acht Jahre, danach folgte eine dritte Heirat.

Zwischen 1946 und 1953 war Bateson eine der Leitfiguren der Macy-Konferenzen, auf denen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen die Grundlagen der Systemtheorie und Kybernetik legten. Batesons wissenschaftlicher Werdegang zentrierte sich von 1951 bis 1962 an der Stanford University in NĂ€he von Palo Alto, an der er eine Gastprofessur annahm. In jener Zeit befassen sich seine Studien und BĂŒcher zunehmend mit Kommunikationstheorie und Psychologie; Er entwickelte seine bekannte Doppelbindungstheorie. 1965 wurde Bateson von der Oceanic Foundation auf Hawaii eingeladen, bei Forschungen bezĂŒglich tierischer und menschlicher Kommunikation, Forschungen, die etwa KreativitĂ€t bei Delphinen nachweisen werden, mitzuarbeiten – sieben Jahre blieb er als außerordentlicher Forschungsleiter auf Hawaii, sieben Jahre, in denen er den Großteil der Texte schrieb, die spĂ€ter in der Artikelsammlung Ökologie des Geistes erschienen. 1973 nahm Bateson eine Gastprofessur am Kresge College an, drei Jahre spĂ€ter wurde er Mitglied des Verwaltungsrats der University of California. 1978, sechs Jahre nachdem er von Hawaii nach Kalifornien ĂŒbersiedelte, schrieb Bateson sein letztes Buch, Geist und Natur, zwei Jahre spĂ€ter starb Gregory Bateson an Lungenkrebs im alternativen Esalen Institute in San Francisco.

[Bearbeiten] Batesons Werk

[Bearbeiten] Lockeres und strenges Denken

Bateson verstand sich nicht als Vertreter einer Fachdisziplin, sondern als Kybernetiker, Systemiker oder Ökologe - Begriffe, die er fast synonym verwendete. Zugleich sperrte er sich dagegen, von bestimmten gesellschaftlichen Strömungen vereinnahmt zu werden. So kritisierte Bateson zwar einerseits das reduktionistische Denken der etablierten Wissenschaft, andererseits aber auch jegliche Form anti-intellektueller Tendenzen in der sogenannten Gegenkultur und der amerikanischen Studentenbewegung. Obwohl er das Ende seines Lebens im Esalen Institute verbrachte - dem Zentrum alternativer Therapien und spiritueller Lebensformen - blieb ihm jegliche Form esoterischen Gedankenguts immer suspekt.
So ist neben Batesons generell systemischen Zugang die Verbindung aus lockerem und strengem Denken ein Merkmal seiner Arbeitsweise. Lockeres Denken steht hierbei fĂŒr ein eher spekulatives, auf Fantasie und Intuition beruhendes Vorgehen; strenges Denken dagegen fĂŒr logische Schlussfolgerungen und formale Analysen.

[Bearbeiten] Strukturfunktionalismus in anthropologischen FrĂŒhwerken

Gregory Batesons erste publizierten Arbeiten, seine Dissertation und Naven, waren vom Strukturfunktionalismus des BronisƂaw Malinowski und speziell des Alfred Radcliffe-Brown geprĂ€gt: Bateson unternimmt den Versuch die Kategorien der klassischen Ethnologie mit Begriffen wie Struktur und Funktion zu ergĂ€nzen: Seine Methodik wurzelt in der Sammlung von Beobachtungen und Daten kulturellen Lebens sowie der weiteren Ausdifferenzierung in vereinzeltes und funktionelles, kulturell standardisiertes Verhalten. Wenn das Besondere standardisiert und funktionell erscheint und somit zum Allgemeinen erhoben wird, kann der Forscher von einer PrĂ€misse sprechen. Jene PrĂ€missen können nun syllogistisch verbunden werden, deren Resultate angeordnet, das Wesenhafte der jeweiligen Kultur, die Kulturstruktur (cultural structure), illustrieren. Neben der Kulturstruktur, ergibt sich die Sozialstruktur (social structure), die die soziale Funktion einer Gesellschaft, die BedĂŒrfnisse von Gruppen von Individuen zu stillen, darstellt.
Bateson vermutet eine Konfiguration in einer Kultur, die die Menschen in ihr normt. In der Konfiguration Ethos und Eidos unterschieden. Das Ethos reprĂ€sentiert die genormte Organisation von EmotionalitĂ€t und Instinkten, Eidos eine Standardisierung des Intellekts, die sich in der Kulturstruktur manifestiert. Die Manifestation des standardisierten Intellekts erklĂ€rt sich im abstrahierenden Weg von den PrĂ€missen ĂŒber die der spezifischen Kultur inhĂ€renten Logik zum Kulturbegriff.
Bateson beleuchtet folglich in Naven Institutionen, die funktionell ineinandergreifen und die BedĂŒrfnisse von Gruppen bedienen, in dreifacher Weise. Die strukturelle Perspektive, also das Eidos, die affektive Perspektive, also das Ethos, und die soziologische Perspektive dienen als analytische Eckpfeiler.

Mit Naven beginnend, setzen sich Antworten auf kulturelle Fragen bei Bateson fest, die er bis zu letzt vertreten wird: Er mißtraut Aussagen ĂŒber interkulturelle Ähnlichkeiten, er vertritt einen Kulturrelativismus, und er verneint die Vorstellung vom Menschen als bloßem Produkt der Kultur, wie auch als bloßem Produkt seiner Gene, und versteht ihn als ein aus Kultur und genetischer Disposition Wachsendes. Auch wird in Naven sein Begriff der Schismogenese - von ihm eingefĂŒhrt in KulturberĂŒhrung und Schismogenese - weiter entwickelt und zu einem zentralen Konzept.

[Bearbeiten] Lerntheorie

Batesons Studien im Rahmen der psychologischen KriegfĂŒhrung fĂŒr die USA wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs markieren den Anfang seiner Lerntheorie, die er spĂ€ter prĂ€zisierte: Jene Studien konzentrieren sich einerseits auf die Entwicklung und ZustĂ€ndlichkeit von Nationalcharaktern und MoralitĂ€ten und prinzipiell schismogenetischen Beziehungsmustern in InterkulturalitĂ€t, andrerseits auf die Ursache fĂŒr individuelle und kollektive CharakterzĂŒge, die nicht ausschließlich aus der genetischen Disposition des Menschen, sondern eben auch als Summe des Lernens verstanden werden mĂŒssen.

Bateson stellt eine von Bertrand Russells Typentheorie inspirierte Hierarchie von Lern-Typen auf:

  • Lernen 0: Die niedrigste Ebene des Lernens ist Aufnahme einer Information starrer Natur – eine bestimmte Reaktion wird in Verbindung mit einem bestimmten Reiz erlernt.
  • Lernen 1: von Bateson auch als „Proto-Lernen“ tituliert, ist eine Form des Lernens, in der eine bestimmte Reaktion auf einen bestimmten "Kontext" erlernt wird. Der Kontext ergibt sich aus den wechselseitigen Klassifizierungen der Reize.
  • Lernen 2: Hierbei handelt es sich um das Lernen des „Proto-Lernens“, von Bateson auch „Deutero-Lernen“ genannt. Es resultiert in Gewohnheiten und GeisteszustĂ€nden und hat somit Auswirkungen auf Charakter und Kommunikation.
  • Lernen 3: Die vierte Ebene ist die Reorganisation des durch das Deutero-Lernen Erlernten; diese Form des Lernens ist selten, sie kommt der Vernichtung des Selbsts gleich und ist entweder Resultat freier Entscheidung des Subjekts oder aber Folge widersprĂŒchlichen Lernens.
  • Lernen 4: Lernen fĂŒnfter Ordnung ist VerĂ€nderung in Lernen vierter Ordnung, und kommt wahrscheinlich nur in der phylogenetisch-ontogenetischen Wechselwirkung vor.

[Bearbeiten] Kommunikationstheorie

1951 veröffentlicht Bateson gemeinsam mit Psychiater JĂŒrgen Ruesch Kommunikation: Die soziale Matrix der Psychiatrie. Nebst ontogenetischen Analysen versucht vor allem Bateson aufgrund von Untersuchungen der Kommunikation zwischen Maschine, Tier und Mensch ein formales Bild von Kommunikation zu zeichnen. 1952 ergrĂŒndete Bateson gemeinsam mit William F. Fry, John H. Weakland und Jay Haley in der sogenannten Palo-Alto-Gruppe Paradoxien der Abstraktion in der Kommunikation, so der Titel des Forschungsprojekts, mit Hauptaugenmerk auf daraus resultierenden psychischen Erkrankungen. Die ersten grundlegenden Theorien zur menschlichen Kommunikation[1], namentlich die Doppelbindungstheorie, waren Ergebnis dieser Arbeit.

Grundbedingung jedweder Kommunikation sind Wahrnehmung und die komplexe Verarbeitung von Information in einem Organismus, der in einem Subjekt-Objekt-VerhĂ€ltnis zu existieren weiß, ferner Gestaltwahrnehmung sowie Abstraktionsebenen im Kommunizierenden. Kommunikation funktioniert folglich in der Introspektion sowie zwischen interagierenden Subjekten, Gruppen und Kulturen: Ist dies gegeben, erscheint die Welt, nach erfolgter Kodierung, im Subjekt, und wird nach einer Evaluation der Bildteile subjektiv in der Gewichtung modifiziert. Die folglich prinzipiell stark subjektiv interpretierte Welt, wird durch jede Mitteilung beziehungsweise Information weiter subjektiviert: Eine Information motiviert, indem sie etwas ĂŒber sich sagt, eine vom Subjekt konstituierte Information ĂŒber die Vergangenheit (der Nachrichtenaspekt jeder Information) und ĂŒber die Zukunft (der Kommandoaspekt jeder Information).

In Kommunikation zwischen Menschen ist zudem Metakommunikation eine außerordentlich wichtige SĂ€ule des gegenseitigen VerstĂ€ndnisses: Metakommunikation ist ein, wenn man so will, kommunikativer Oberton beziehungsweise eine tatsĂ€chlich ausgesprochene Mitteilung, die eine andere Mitteilung klassifiziert, in einen anderen Kontext oder in einen prĂ€ziseren Kontext bringt. WidersprĂŒche zwischen Mitteilung und Metamitteilung, dementsprechend kommunikative Paradoxa, sind Bestandteil des Spiels, Humors, KreativitĂ€t, außerhalb dieser Bereiche jedoch pathologisch und fĂŒhren nach Batesons (heute so nicht mehr anerkannten) Theorie unter UmstĂ€nden zu Schizophrenie, respektive mit der zusĂ€tzlichen Perspektive der Lerntheorie zur Doppelbindungstheorie.

In Batesons Theorien ist sonach vor allem der Begriff des Kontexts zentral. Kontext ist als Muster in der Zeit zu verstehen: Kommunikation, Handlungen, ZustĂ€nde sind ohne Kontext bedeutungslos bzw. irrefĂŒhrend - sie können sich nicht selbst erklĂ€ren, sondern mĂŒssen in Relation gesetzt werden. So bedarf es in menschlicher Kommunikation (wie auch in der Kommunikation der genetischen Programmierung des Einzellers mit dem tatsĂ€chlichen Werden des Einzellers) des Kontexts.

[Bearbeiten] Geist und Natur

Bateson, der Biologe, konzentriert sich in seiner Suche nach Mustern in der Welt gĂ€ngiger Erkenntnisse auf die Phylogenese. So existieren Muster im Körperaufbau eines PhĂ€notyps, innerhalb des Körperaufbaus: eines Taxons - und schließlich zwischen Taxa. Hierbei wird zwischen phylogenetischer Homologie und serieller Homologie unterschieden: Phylogenetische Homologie ist interspezifische Ähnlichkeit und Ähnlichkeit zwischen Taxa, serielle Homologie ist Wiederholung von Mustern innerhalb eines Lebewesens. Bateson ergĂ€nzt die Begriffe: Serielle Homologie ist Verbindung erster Ordnung, phylogenetische Homologie Verbindung zweiter Ordnung und letztlich ist der Vergleich des phylogenetisch-homologischen Vergleichs Verbindung dritter Ordnung. Über diesen Weg findet Bateson zum formal-abstrakten Gedanken, dass das entscheidende Muster ein Metamuster sein muss, demnach eine Verbindung hoher Ordnung. Die Logik des Metamusters veranschaulicht Bateson mit Hilfe der GegenĂŒberstellung zweier Syllogismen:

  • Modus Barbara:
    Alle Griechen sind Menschen.
    Alle Menschen sind sterblich.
    Also gilt: Alle Griechen sind sterblich.
  • Modus Gras:
    Menschen sterben.
    Gras stirbt.
    Menschen sind Gras. [2]

WĂ€hrend Bateson Sachverhalte in der unbelebten Welt durch den Modus Barbara erklĂ€rt, seien Sachverhalte in der belebten Welt in der Logik des Modus Gras zu verstehen. Da im Belebten Muster und Relationen entscheidend sind, ist eine Logik, die sich auf scheinbar autonome Dinge konzentriert, wie es im Modus Barbara geschieht, fehl am Platz. Bateson formuliert hier also den Gedanken, dass das Belebte und dessen Sachverhalte in einer metaphorischen Sprache begriffen werden mĂŒssen. Was aber ist Bedingung fĂŒr das evolutionĂ€re Metamuster? Es ist der geistige Prozess.

Bateson stellt sich vorab gegen RenĂ© Descartes' Trennung von Geist und Materie. Der transzendente Geist wird abgelehnt: Den Glaubensatz des Dualismus von Leib und Seele verwirft er mit der EinfĂŒhrung von Carl Gustav Jungs Begriffen Pleroma (welches das Unbelebte, die Materie beziehungsweise die Welt der Energie darstellt) und Creatura (die das Belebte, den Geist beziehungsweise die Welt der Information darstellt). Hier also fĂŒhrt Bateson eine kybernetische Begriffsdefinition ein: Geist (die Welt der Information) ist die Welt des Unterschieds. Ein Organismus, der auf einen Nervenimpuls reagiert, reagiert nicht primĂ€r auf die Energie, sondern auf den entstandenen Unterschied. Ein geistiger Prozess ist fĂŒr Bateson somit Wahrnehmung von Unterschieden, Wahrnehmung von Information und auch Austausch von Information, folglich Kommunikation auf der kleinsten und grĂ¶ĂŸten Ebene, in InterkulturalitĂ€t wie auch in der Epigenese, in der Evolution. Denken und Evolution funktionieren also nach dem selben (stochastischen) geistigen Prozess.

Bateson charakterisiert die Systeme mit Möglichkeit zum geistigen Prozess, indem er ihnen insgesamt sechs Merkmale zuspricht:[3]

  1. „Ein Geist (mind?) ist ein Aggregat von zusammenwirkenden Teilen oder Komponenten“
    • Die Teile des Aggregats können selbst Subgeister sein. Bei einer endlos tieferen Teilung der Subgeister bis hin zu subatomaren Partikeln kann jedoch nicht mehr von Geistern gesprochen werden, da es ihnen an KomplexitĂ€t beziehungsweise an Organisation und Wechselwirkung vielfĂ€ltiger Teile fehlt[4].
  2. „Die Wechselwirkung zwischen Teilen des Geistes wird durch Unterschiede ausgelöst“
    • Unterschiede sind potentielle Informationen. TatsĂ€chliche Informationen sind Unterschiede, die einen Unterschied ausmachen, Unterschiede, die verĂ€ndern. Die Unterschiede dĂŒrfen hierbei keinesfalls als materielle EntitĂ€ten verstanden werden, viel mehr sind Unterschiede dimensionslos, platonische Ideen.
  3. „Der geistige Prozesse braucht kollaterale Energie“:
  4. „Der geistige Prozesse verlangt zirkulĂ€re (oder noch komplexere) Determinationsketten“
    • Eine zirkulĂ€re Selbstregulation ist vonnöten, damit der geistige Prozess nicht schismogenetisch eskaliert beziehungsweise nicht stagniert. Mittels positiven und negative RĂŒckkopplungen werden in einem funktionierenden geistigen Prozess VerĂ€nderungen korrigiert und so StabilitĂ€t erzeugt. In der ontogenetischen Perspektive betrachtet können VerĂ€nderungen durch Mutationen abgefangen werden.
  5. „In geistigen Prozessen mĂŒssen die Auswirkungen von Unterschieden als Transformationen (d. h. codierte Versionen) von vorausgegangenen Ereignissen aufgefasst werden“
    • Die Transformation von Unterschieden kann in analoger, digitaler, schablonenartiger und ostensiver Codierung erfolgen. Digital codiert, kann der Unterschied nur zwei Wege gehen – er verhindert oder motiviert eine Reaktion. Analog codiert, variiert die Transformation im geistigen Prozess mit den GrĂ¶ĂŸen des Unterschieds. In der schablonenartigen Codierung determiniert der Erstzustand den Folgezustand. Die ostensive Codierung lĂ€sst im Wahrnehmen von Teilen auf das Ganze schließen.
  6. „Die Beschreibung und Klassifizierung dieser Tranformationsprozesse offenbart eine Hierarchie von logischen Typen, die den PhĂ€nomenen immanent sind.“
    • Logische Typen sind ein notwendiges Merkmal jedes geistigen Prozesses.

Mit den sechs bewussten Merkmalen muss naturgemĂ€ĂŸ eine Neudefinition des Individuums erfolgen. „Der individuelle Nexus von Bahnen, den ich als ‚Ich‘ bezeichne, ist nun nicht mehr so kostbar, weil dieser Nexus nur ein Teil des grĂ¶ĂŸeren Geistes ist.“ [5]

[Bearbeiten] Ökologie

Batesons Geist- und somit Naturtheorie Ă€ußert sich in Form einer kybernetischen Ethik beziehungsweise Gesellschaftskritik – Bateson zĂ€hlt in Die Wurzeln ökologischer Krisen welt- und selbstgefĂ€hrdende Manifestationen prĂ€valenter zweckorientierter CharakterzĂŒge und Lebensweisen auf:

  1. Es geht um uns gegen die Umwelt.
  2. Es geht um uns gegen andere Menschen.
  3. Es kommt auf das Individuum (oder die individuelle Gesellschaft oder die individuelle Nation) an.
  4. Wir können eine einseitige Kontrolle ĂŒber die Umgebung ausĂŒben und mĂŒssen nach dieser Kontrolle streben.
  5. Wir leben innerhalb einer unendlich expandierenden „Grenze“.
  6. Der ökonomische Determinismus ist Common Sense.
  7. Die Technologie wird es fĂŒr uns schon machen [6]

Die Kritik an der Lebenspraxis des Menschen ist also vor allem eine Kritik an der Idee der Macht; Der Mensch glaubt sich dem unstillbaren Mythos der Macht verpflichtet, und begreift gleichsam nicht das zirkulĂ€r-kausale System, in dem er wirkt – tödliche TrugschlĂŒsse fĂŒr Natur und Mensch.

[Bearbeiten] Religion

Batesons Religionsbild war stark von seinen ökologischen Überlegungen geprĂ€gt. Bateson wuchs in einer atheistischen Familie auf. Allerdings hatte schon sein Vater darauf Wert gelegt, seinen Söhnen religiöses Wissen und die Bibel zu vermitteln, damit aus ihnen keine „hirnlosen Atheisten“ werden. Bateson blieb atheistisch in dem Sinne, dass er jegliche ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen und ĂŒbernatĂŒrlichen MĂ€chte ablehnte. Das Heilige und die Grundlagen fĂŒr SpiritualitĂ€t suchte er vielmehr innerhalb der ökologischen ZusammenhĂ€nge.

Mit Batesons Postulat einer Einheit der BiosphĂ€re wendet er sich am Ende seines Lebens mit dem von seiner Tochter fertig gestellten Buch Wo Engel zögern gegen die vorherrschenden Glaubensbilder, die sich zwischen Materialismus und Supranaturalismus ansiedeln. Bateson sieht den Ursprung der Religion nicht, wie viele andere Forscher seiner Zeit, im magischen Denken, sondern im Totemismus begrĂŒndet, und somit in der spirituellen Verbundenheit mit der ökologischen Umwelt. Magische Praktiken stellte er dagegen als eine degenerierte Form von Religion dar, da bei ihnen die Verfolgung bestimmter Zwecke an die Stelle einer Reflexion auf den ökologischen Zusammenhang treten: Er sei ĂŒberzeugt, schrieb Bateson, dass RegentĂ€nze ursprĂŒnglich nicht dazu dienten, es regnen zu lassen, sondern einen Ausdruck der Verbundenheit mit der Umwelt darstellten. Bateson sprach in diesem Zusammenhang vom Gott „Eco“ (Öko).

Bateson fordert eine bewusstseinslose und kommunikationslose Religionspraxis, in der schlicht das Ganze, die den einzelnen Menschen und die Menschheit ĂŒbersteigenden Organisationsaggregate, durch die Erfahrung des unritualisierten Heiligen geehrt werden. Das Kommunikationslose und Bewusstseinlose spielt eine tragende Rolle: Wird das Heilige bewusst gemacht, ist gleichsam ob der gĂ€ngigen wissenschaftlichen Erkenntnismethodik, dem Zwecklosen ein Zweck zugesprochen und das Wesenhafte des unsubstantiell Ideenhaften in einer Verdinglichung verkehrt.

[Bearbeiten] Das Schöne, das Heilige und das Bewusstsein

In Mind and Nature Ă€ußerte Bateson bereits die Idee, dass er sich in seinem nĂ€chsten Werk mit „dem Schönen, dem Heiligen und dem Bewusstsein“ befassen wĂŒrde, weil diese in vieler Hinsicht rĂ€tselhaften PhĂ€nomene aus seiner Sicht miteinander zusammenhingen. TatsĂ€chlich verfasste er noch einige Kapitel, die seine Tochter Mary Catherine Bateson durch eigene Kapitel ergĂ€nzte und als gemeinsames Werk Angels Fear heraus brachte.

[Bearbeiten] Wirkung

Bateson spielte in der Entwicklung der Kybernetik eine entscheidende Rolle. Er fĂŒhrte erstmals systemtheoretische und kybernetische DenkansĂ€tze in die Sozial- und Humanwissenschaften ein und gilt heute als geistiger Vater der systemischen Therapie. So gehörten auch die GrĂŒnder der Palo-Alto-Gruppe zu seinen SchĂŒlern, darunter der Therapeut und Schriftsteller Paul Watzlawick. In diesem Zusammenhang ist Bateson auch wegen der Entwicklung der psychologischen Doppelbindungstheorie bekannt. Seine Vermutung, dass Doppelbindungen maßgeblich verantwortlich sind fĂŒr die Entstehung von Schizophrenien, hielt empirischen Studien jedoch nicht Stand.

Batesons systemtheoretische Schriften beeinflussten die soziologische Theorie von Niklas Luhmann. Außerdem schuf er die theoretische Grundlage des Neurolinguistischen Programmierens.

Obwohl er viele noch heute gĂŒltige biologische Prinzipien formulierte und systemisch begrĂŒndete, hat er in der Biologie am wenigsten Spuren hinterlassen, wohl aber in der Ästhetik, wo jĂŒngere Publikationen seine Ideen aufgreifen.[7]

Gesellschaftlich hatte Bateson eine gewisse Wirkung auf die New Age-Bewegung, stand ihr jedoch kritisch gegenĂŒber.

[Bearbeiten] Zitate

  • Ästhetik ist die Aufmerksamkeit fĂŒr das Muster, das verbindet (Aus Wo Engel zögern)
  • Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. (Aus Ökologie des Geistes, S. 582)
  • Ein Mann wollte wissen, wie es sich mit dem Geist in seinem Computer verhĂ€lt und fragte ihn daher 'Rechnest du damit, dass du jemals denken wirst wie ein menschliches Wesen?' Worauf nach einiger Zeit der Computer antwortete 'Das erinnert mich an eine Geschichte'. (Aus Geist und Natur, S. 22)
  • Das Lebewesen, das im Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst. (Aus Ökologie des Geistes)
  • Strenge allein ist lĂ€hmender Tod, Phantasie allein ist Geisteskrankheit (Aus Geist und Natur, S. 265)

[Bearbeiten] Quellen

  1. ↑ Paul Watzlawick Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, ISBN 3-456-82825-X
  2. ↑ Bateson, Gregory/Haley, Jay/Jackson, Don D./Weakland, John: Vorstudien zu einer Theorie der Schizophrenie, 1956, S. 274
  3. ↑ Vgl. ebda. S. 114ff.
  4. ↑ (Vgl. ebda., S .115)
  5. ↑ Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes, S. 597
  6. ↑ Bateson, Gregory: Die Wurzeln ökologischer Krisen. In: Ökologie des Geistes, S.631.
  7. ↑ GĂĄbor PaĂĄl: Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis. WĂŒrzburg 2003. ISBN 3826024257

[Bearbeiten] AusgewÀhlte Werke

  • Bateson, Gregory/Bateson, Mary Catherine: Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, ISBN 3-518-29369-9
  • Bateson, Gregory: Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982, ISBN 3-518-57603-8
  • Bateson, Gregory: Naven – A Survey of the Problems suggested by a Composite Picture of the Culture of a New Guinea Tribe drawn from Three Points of View. Stanford: Stanford University Press 1958, ISBN 0804705208
  • Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1981, ISBN 3-518-57628-3
  • Bateson, Gregory: Schizophrenie und Familie. BeitrĂ€ge zu einer neuen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002, ISBN 3518280856
  • Bateson, Gregory/Ruesch, JĂŒrgen: Kommunikation. Die soziale Matrix der Psychiatrie. Heidelberg: Carl Auer Systeme Verlag 1995, ISBN 3-927809-40-3

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] SelbstÀndige Literatur

  • Marc, Edmond/Picard, Dominique: Bateson, Watzlawick und die Schule von Palo Alto. Berlin (u.a): Philo 2000, ISBN 3825701069
  • Lutterer, Wolfram: Auf den Spuren ökologischen Bewusstseins. Eine Analyse des Gesamtwerks von Gregory Bateson. Freiburg i.Br.: Libri Books 2000. ISBN 3-89811-699-9
  • Lutterer, Wolfram: Gregory Bateson. Eine EinfĂŒhrung in sein Denken. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag 2002, ISBN 3-89670-237-8
  • About Bateson, Essays on Gregory Bateson, edited by John Brockman, Dutten, New York 1977,ISBN 0525474692
  • Bateson, Mary Catherine: Our Own Metaphor, A personal account of a conference on the effects of conscious purpose on human adaptation with Gregory Bateson e.a., Smithsonian Institute Press, 1972, ISBN 1560980702
  • Walker, Wolfgang: Abenteuer Kommunikation. Bateson, Perls, Satir, Erickson und die AnfĂ€nge des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Stuttgart: Klett-Cotta 1996, ISBN 3-608-91976-7

[Bearbeiten] AufsÀtze

  • Bell, Jeffrey A.: Philosophizing the Double-Bind: Deleuze Reads Nietzsche. In: Philosophy Today, 1995, 4, S. 371-390
  • Bredo, Eric: Bateson's Hierarchical Theory of Learning and Communication. In: Educational Theory, 1989, 39, S. 27- 46
  • Dell'Erba, Paola: Gregory Bateson: Comunicazione verbale e non-verbale. In: Studi Filosofici, 2000, 23, S. 353-S.370
  • Peterson, Thomas E.: Whitehead, Bateson and Readings and the Predicates of Education. In: Educational Philosophy and Theory, 1999, 1, S. 27-41
  • Yoshikawa, M.: Culture, Cognition and Communication. In: Communication and Cognition, 1984, 17, S. 377-386

[Bearbeiten] Weblinks


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