Fahrradfahren

Radfahrer in Wien
Radfahrer in Wien
Jan Ullrich in Kurvenhaltung
Jan Ullrich in Kurvenhaltung
Radrennfahrer nahe Aviano in Italien
Radrennfahrer nahe Aviano in Italien

Der Ausdruck Fahrradfahren â€“ auch „Radfahren“ â€“ bezeichnet die Fortbewegung auf einem nicht-motorisierten Zweirad, dem Fahrrad. Der Ausdruck bezeichnet auch die Sportart Fahrradfahren, die als FreizeitbeschĂ€ftigung, zur Erhaltung der Gesundheit oder als sportlicher Wettkampf (Leistungssport) betrieben wird.

Sich mit einem Fahrrad vorwĂ€rts zu bewegen, das prinzipiell instabil ist und stĂ€ndig zu kippen droht, ist möglich, weil die Eigenschaften des Fahrrades den Fahrer dabei unterstĂŒtzen, das Gleichgewicht zu halten. Ein nachhaltiges Gleichgewicht des Systems Fahrrad/Fahrer beruht bei schnellerer Fahrt nur zum geringeren Teil auf der FĂ€higkeit des Fahrers, es auszubalancieren â€“ Fahrradkonstruktion und physikalische Effekte leisten die notwendige Hilfe, so dass sogar ein freihĂ€ndiges Fahren möglich ist.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Das Fahrrad im labilen Gleichgewicht

Ein Fahrrad berĂŒhrt den Boden an zwei Stellen â€“ den AuflageflĂ€chen der Reifen. Eine auch nur geringe Neigung der senkrecht zur Fahrbahn stehenden Rahmenebene fĂŒhrt beim stehenden Fahrrad zum Umkippen. Sobald der Schwerpunkt nicht mehr ĂŒber der die AuflageflĂ€chen umfassenden und verbindenden UnterstĂŒtzungsflĂ€che liegt, kippt das Rad um.

Durch extremes Einschlagen des Lenkers lĂ€sst sich die UnterstĂŒtzungsflĂ€che fĂŒr den Schwerpunkt vergrĂ¶ĂŸern. Nur geĂŒbte Menschen können auf einem stehenden Fahrrad fĂŒr lĂ€ngere Zeit einen Sturz vermeiden. Da diese Probleme beim Geradeausfahren nicht bestehen, muss die Fahrdynamik dafĂŒr ausschlaggebend sein.

[Bearbeiten] Das dynamische Gleichgewicht

Einem Umkippen in eine Richtung wĂ€hrend der Fahrt wird dadurch entgegengewirkt, dass der Lenker in die gleiche Richtung ausschlĂ€gt, eine kurze Kurve einleitet und nun durch die Zentrifugalkraft zur anderen Seite aufgerichtet wird. Dabei lĂ€sst sich ein Überkippen kaum vermeiden, der Lenker muss wiederum in die andere Richtung gelenkt werden und so weiter.

Eine Geradeausfahrt kommt daher einem kaum merkbaren Pendeln um die Gleichgewichtslage zwischen Kippen und Wiederaufrichten gleich. Bei langsamer Fahrt Ă€ußert sich das Pendeln durch starke, abwechselnde LenkausschlĂ€ge.

Bei freihĂ€ndigem Fahren hilft das seitliche Neigen des Körpers zur Erzeugung eines entgegengesetzten Schweremoments. FreihĂ€ndiges Fahren ist daher bei langsamer Fahrt nahezu unmöglich. Erst der weiter unten beschriebene Nachlauf und die KreiselkrĂ€fte ermöglichen dies, indem sie bei einer Radneigung einen kontrollierbaren Lenkausschlag auslösen und so das Rad wieder in die gerade Fahrlinie zurĂŒckbringen, beziehungsweise eine stabile Kurvenfahrt ermöglichen.

[Bearbeiten] Die LaufrÀder als Kreisel

Bei zunehmender Geschwindigkeit haben sowohl Lenkbewegungen als auch Körperschwerpunktverlagerungen (Balancieren) eine untergeordnete Bedeutung. Das gilt grundsĂ€tzlich fĂŒr die Geradeausfahrt wie fĂŒr Kurven. Ab einer Geschwindigkeit von 20 km/h werden die auf die LaufrĂ€der wirkenden KreiselkrĂ€fte so stark, dass ein stabiles Geradeausfahren und ein großer Teil der Lenkmanöver auch freihĂ€ndig möglich sind. Der Beitrag der rotierenden LaufrĂ€der als Kreisel zur Stabilisierung der Fahrt liegt darin, die zuvor geschilderten nötigen LenkausschlĂ€ge zu unterstĂŒtzen bzw. beim FreihĂ€ndigfahren auszulösen. Dadurch werden sowohl kleine, bei der Geradeausfahrt notwendige Korrekturen „automatisch“ ausgelöst als auch die lĂ€nger aufrechtzuerhaltenden LenkausschlĂ€ge bei Kurvenfahrten.

[Bearbeiten] Kreiseleffekte: Stabilisation und PrÀzession

Das Vorderrad stellt einen symmetrischen, nutationsfreien Kreisel dar; die Drehimpuls-, Rotations- und Figurenachsen sind identisch. Durch ein seitliches Neigen des Vorderrades wirkt ein Drehmoment, das senkrecht zum Drehimpuls steht. Dies fĂŒhrt zu einer DrehimpulsĂ€nderung und damit zu einer PrĂ€zessionsbewegung (s. auch Gyroskopischer Effekt bei ZweirĂ€dern): Der Lenker dreht sich in die Richtung der Neigung. Umgekehrt fĂŒhrt eine Drehung des Vorderrades um die Lenkachse zu einem Neigen des Fahrrades in die entgegengesetzte Richtung aufgrund der PrĂ€zession.

Das Hinterrad prĂ€zediert nicht, trĂ€gt aber zur Kreiselwirkung bei, indem seine Neigung auf das Vorderrad ĂŒbertragen wird, was zu einer VerstĂ€rkung der Kreiselwirkung fĂŒhrt und das Rad insgesamt stabilisiert.

[Bearbeiten] Der entscheidende Beitrag des Fahrers zur dauerhaften Erhaltung des Gleichgewichts

Wie Experimente bestĂ€tigen (s. u.), kann ein Fahrrad wie ein ĂŒber eine FlĂ€che gerollter, schmaler Autoreifen seine Geradeausfahrt ohne Fahrereinwirkung eine Weile beibehalten. Diese dem Fahrrad bzw. seinen LaufrĂ€dern innewohnende Eigenschaft lĂ€sst sich durch die KreiselkrĂ€fte erklĂ€ren. Bei einmaligem Auftreten von StörkrĂ€ften und bei Verlangsamung der Geschwindigkeit nach einer bestimmten Zeit wird das Rad instabil, der gerollte Reifen beginnt zu taumeln und fĂ€llt schließlich um. Dies liegt ĂŒberwiegend am Zeitverzug der Reaktion (s. o.: PrĂ€zession). Dadurch beginnen entgegengesetzte, rhythmische Neigungen und Drehungen, die aufschwingen und schließlich unkontrollierbar werden. Durch den Nachlauf (s. u.) wird die wechselseitige VerstĂ€rkung der KrĂ€fte zwar gedĂ€mpft, aber es verbleibt ein entscheidender Rest an InstabilitĂ€t.

Der Fahrer kann durch ein geschultes Gleichgewichtsempfinden, ein ruhiges Sitzen auf dem Sattel bzw. eine saubere Tretbewegung auch beim sportlichen Radfahren diese InstabilitĂ€t in der Geradeausfahrt kompensieren. Bei der Kurvenfahrt unterstĂŒtzt er die StabilitĂ€t durch seine Fahrtechnik (siehe Abschnitt Kurvenfahrt). Er bleibt die entscheidende Kraft – ohne ihn gerĂ€t jedes Fahrrad irgendwann aus der Kontrolle.

[Bearbeiten] Experimente und Theorien zur Bedeutung der KreiselkrÀfte

David E. H. Jones fand experimentell, dass mit Fahrer der Einfluss der Kreiselwirkungen bei normalen Geschwindigkeiten sehr klein sei, ohne Fahrer dagegen stabilisierten sie das angeschobene oder einen HĂŒgel hinunterfahrende freilaufende Rad. Er montierte knapp oberhalb des Bodens ein drittes Laufrad neben das Vorderrad und drehte dieses in RĂŒckwĂ€rtsrichtung, mit dem Ziel, die Kreiselwirkungen beider VorderrĂ€der in etwa aufzuheben. Er konnte jedoch normal fahren, auch freihĂ€ndig. Ohne Fahrer dagegen fiel das der Kreiselwirkungen beraubte Fahrrad auf der Stelle um. [1]

Felix Klein und Arnold Sommerfeld haben in ihrer Theorie des Kreisels eine erschöpfende theoretisch-analytische Abhandlung ĂŒber die Kreiselwirkungen beim Fahrrad geliefert. Sie stellen fest, dass sich zwischen 16 und 20 km/h ein stabiler Bereich befindet, in dem allein die Kreiselwirkungen die Stabilisierung zu generieren vermögen, trotz der geringen Radmassen. Es ist dem Fahrer hier möglich, freihĂ€ndig zu fahren. Unterhalb davon reicht der Lenkausschlag, den die Kreiselwirkung verursacht, nicht aus, um eine ausreichend große aufrichtende Zentrifugalkraft hervorzurufen; der Fahrer muss lenkend eingreifen. FĂ€hrt man sehr viel schneller, werden keine Kreiselwirkungen mehr spĂŒrbar. Die Hinterradspur nĂ€hert sich so schnell der Vorderradspur an, dass sich beide zusammen wie ein starres System verhalten. Das FahrgefĂŒhl gleicht dem Fahren in einer schmalen Schiene; das Lenken und damit das Aufrechtbleiben ist erschwert.

Klein und Sommerfeld erkennen aber an, dass ein Fahrrad eher auf Energieersparnis und Leichtigkeit als auf Optimierung der Kreiselwirkungen konstruiert und durch die ausgleichenden Bewegungen eines Fahrers die Eigenstabilisierung „nicht gerade [..] erforderlich [..] ist“. Sie ziehen dennoch als Fazit, dass „[..] es doch kaum von der Hand zu weisen [ist], daß die Kreiselwirkungen zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts bei der Fahrt beitragen, wir möchten sagen, in besonders intelligenter Weise beitragen; sind sie es doch, die vermöge der Phase ihrer Wirkung zuerst ein Überfallen des Rades spĂŒren und die dann die viel stĂ€rkeren, aber etwas langsamen Centrifugalwirkungen in den Dienst der StabilitĂ€t spannen.“ [2]

[Bearbeiten] Kurvenfahrt

Eine Kurve wird nicht durch ein Lenken in die gewĂŒnschte Richtung eingeleitet. Laufradspuren auf Sand oder Schnee zeigen, dass zunĂ€chst eine leichte Lenkbewegung in die entgegengesetzte Richtung erfolgt. SchlĂŒge man einfach nach links ein, bewegte sich die AuflageflĂ€che des Reifens nach links unter dem Schwerpunkt weg, so dass die Schwerkraft ein Kippen nach rechts bewirken wĂŒrde. Um die Kurve zu fahren, ist aber grundsĂ€tzlich eine Neigung in die gewĂŒnschte Kurvenrichtung, in diesem Falle nach links, notwendig.

Um das Rad in diese SchrĂ€glage zu bringen, muss es zunĂ€chst durch eine der gewĂŒnschten Richtung entgegengesetzte (kurze und leichte!) Lenkbewegung zum Kippen gebracht werden.

[Bearbeiten] Bestimmung des Neigungswinkels

Eine Kurve kann als Teil einer Kreisbahn betrachtet werden. Legt sich der Fahrer in die Kurve, ist der Neigungswinkel, bei dem er nicht stĂŒrzt, abhĂ€ngig von Fahrgeschwindigkeit und Kurvenradius. Je schneller die Fahrt und je enger die Kurve, desto grĂ¶ĂŸer muss der einzunehmende Neigungswinkel sein. Dieser ist eindeutig bestimmbar: Die Verbindungslinie zwischen Schwerpunkt und UnterstĂŒtzungsflĂ€che muss nĂ€mlich in Richtung der Resultierenden von Fliehkraft und Anziehungskraft verlaufen. FĂŒr den Neigungswinkel α zwischen der Resultierenden und der Senkrechten gilt daher:

\tan \alpha = \frac{v^2}{r \cdot g}

Dabei ist v die Geschwindigkeit, r der Kurvenradius und g die Schwerebeschleunigung, auf der Erde unter Normalbedingungen 9,81 ms–2.

Erwachsenen Menschen fÀllt das Erlernen des Fahrradfahrens hÀufig deshalb so schwer, weil die erforderliche Bewegungskoordination der Intuition entgegenlÀuft, auch wenn sie es von der Logik her schnell erfassen können.

FĂŒr einen ruhenden Beobachter wirkt auf das Fahrrad eine zum Kreismittelpunkt gerichtete Zentripetalkraft, die durch die Haftreibung der LaufrĂ€der aufgebracht wird. Der Haftreibungskoeffizient bestimmt nun den maximalen Neigungswinkel, dessen Überschreitung zum Wegrutschen des Vorderrades und zum Sturz fĂŒhrt. Vor engen Kurven und auf schmierigen, schotterigen oder glatten BodenbelĂ€gen ist also ein Abbremsen notwendig, weil die Reibung sonst nicht ausreicht, eine der Fliehkraft betragsgleiche Zentripetalkraft aufzubringen.

[Bearbeiten] KreiselkrÀfte und Fahrereinfluss bei Kurvenfahrten

Wie schon beim Geradeausfahren, so sind es auch hier wieder die KrĂ€fte der sich drehenden LaufrĂ€der, die die Fahrt durch Kurven entscheidend unterstĂŒtzen. Haben die RĂ€der durch die PrĂ€zession beim Kippen in der Geradeausfahrt einen Lenkeinschlag bewirkt, der korrigierend wirkte, so unterstĂŒtzen sie nun den fĂŒr die Kurvenfahrt notwendigen Einschlag des Vorderrades. Der Nachlauf (s.u.) dĂ€mpft diesen Einschlag, wobei kĂŒrzere NachlĂ€ufe bessere Kurveneigenschaften und schlechtere Geradeauslaufeigenschaften, grĂ¶ĂŸere NachlĂ€ufe die umgekehrten Eigenschaften bewirken.

Dem Fahrer ist auch hier die Feinabstimmung ĂŒberlassen, ohne die eine kontrollierte Fahrt nicht möglich wĂ€re. Beim sportlichen Radfahren (Radrennsport) sind zum erfolgreichen Durchfahren von Kurven weitere Techniken unerlĂ€sslich. Beispielsweise muss der Fahrer eine Körperspannung aufbauen, was durch DurchdrĂŒcken des fast gestreckten kurvenĂ€ußeren Beines (Pedale im tiefsten Punkt) bewirkt wird. Im Mountainbikesport hingegen, wo es eher um schnelle Verlagerung des Körperschwerpunktes aufgrund der Bodenbeschaffenheiten geht, hat sich eine Waagrechtstellung der Pedale als eher zweckmĂ€ĂŸig erwiesen.

[Bearbeiten] Überhöhung

Der Kurvenradius kann erheblich verkleinert werden, wenn die Fahrbahn nicht eben, sondern in Richtung Kurvenmittelpunkt geneigt ist (Überhöhung). Diese Hilfe machen sich sowohl Cyclo-Cross-Fahrer und Mountainbiker als auch Bahnfahrer zunutze:

  • Im Cyclocross- und Mountainbike-Sport nutzt man z. B. ausgefurchte Kurven, die hierdurch eine Überhöhung aufweisen, um Kurven schneller zu durchfahren.
  • Im Bahnradsport weisen die Radrennbahnen grundsĂ€tzlich in den Kurven Überhöhungen zwischen 30 Grad (lange Freiluft-Zementbahnen mit grĂ¶ĂŸerer Haftreibung) und gewöhnlich 45 Grad Überhöhungswinkel auf (in AusnahmefĂ€llen sogar darĂŒber: die nicht mehr existierenden Bahnen in MĂŒnster und Frankfurt am Main hatten Überhöhungen von ĂŒber 55 Grad).

[Bearbeiten] Ausweichmanöver

Bei Kurven, die im Zuge von kurzen Ausweichmanövern gefahren werden, ist die Technik des Gegenlenkens, um das Kippen einzuleiten, nicht notwendig, wenn der Fahrer anschließend die Fahrt auf der ursprĂŒnglichen Fahrlinie fortsetzen möchte. Statt der beschriebenen Technik lenkt der Fahrer das Fahrrad an dem Hindernis vorbei, wĂ€hrend sein Körperschwerpunkt sich fast geradeaus weiterbewegt. Demzufolge ist diese Technik auch nur zum Ausweichen vor bodennahen Hindernissen, Schlaglöchern usw. geeignet. Wird sie in der falschen Situation angewandt, fĂŒhrt sie zu schweren StĂŒrzen. Die Entscheidung ĂŒber die Technik trifft der Fahrer nicht bewusst, sondern in Zehntelsekundenschnelle intuitiv.

[Bearbeiten] Konstruktionsmerkmale eines Fahrrads, die das Fahren beeinflussen

Nachlauf und Radstand
Nachlauf und Radstand

[Bearbeiten] Nachlauf

Als Nachlauf wird der Abstand zwischen dem Vorderradaufstandspunkt und dem Punkt, in dem die gedachte VerlĂ€ngerung der Lenkachse den Boden trifft, dem so genannten Spurpunkt, bezeichnet. Geometrisch festgelegt wird der Nachlauf durch Laufradradius, Steuerkopfwinkel (zwischen Lenkachse und Boden) und der Gabelbiegung (senkrechter Abstand von Nabe zur Lenkachse). Der Name rĂŒhrt daher, dass das Rad bei Lenkbewegungen dem Spurpunkt „hinterherlĂ€uft“. Ist der Nachlauf positiv, so befindet sich der Spurpunkt wie in der Abbildung dargestellt in Fahrtrichtung vor dem Aufsetzpunkt. Die GrĂ¶ĂŸe des Nachlaufs liegt meist zwischen 5 und 7,5 cm

Der Nachlauf ist wohl die wichtigste bauliche UnterstĂŒtzung im BemĂŒhen gegen das Umfallen wĂ€hrend des Geradeausfahrens. Er wirkt auf folgende Arten:

1. Droht ein Sturz, bewirkt die bei Radneigung in der Vorderachse angreifende Schwerkraft des Vorderrades einen Lenkereinschlag in Richtung der Neigung. Wie oben beschrieben greift nun die Fliehkraft ein und richtet das Rad auf. Dieser Effekt ist gut sichtbar, hÀlt man den Sattel fest und neigt das Rad. Prompt dreht sich das Vorderrad.

Nachlauf beim Einkaufswagen
Nachlauf beim Einkaufswagen

2. Die Richtkraft versucht das Rad in Radflucht auszurichten. Anschaulich ist dieser Effekt bei Teewagen oder Einkaufswagen, deren Radachsen nicht unterhalb der Lenkachsen liegen, sodass ein KrÀftepaar auftritt. Lagerkraft und Rollwiderstand (Reibung) lassen das Rad auf der Stelle verharren. Bewegt sich z. B. der Einkaufswagen, rotieren die RÀder zunÀchst auf der Stelle. Erst wenn ein positiver Nachlauf erreicht ist, folgt das Rad der Bewegung hinterher. Ohne den Nachlauf wÀre diese Richtkraft nicht vorhanden.

Ist der Nachlauf kurz, verhĂ€lt sich das Fahrrad wendiger und bei niedrigen Geschwindigkeiten leichter steuerbar, hohe fĂŒhren zu Rahmenflattern. Ein langer Nachlauf macht das Fahrrad richtungsstabiler, jedoch sind grĂ¶ĂŸere LenkkrĂ€fte erforderlich und Langsamfahren ist schwieriger.

Dass ein Fahren mit einem negativen Nachlauf nur schwer möglich ist, zeigt das Experiment des Chemikers David E. H. Jones. Er versuchte im Jahr 1970 ein Fahrrad zu konstruieren, das unfahrbar ist. Die meisten entwickelten Radtypen waren jedoch mehr oder weniger trotzdem nutzbar. Erst ein Rad mit negativem Nachlauf war „sehr knifflig“ zu steuern und besaß vernachlĂ€ssigbare Selbststabilisierung. [1]

[Bearbeiten] Radstand

Radstand und Schwerpunktsweg
Radstand und Schwerpunktsweg

Ein Fahrrad mit zwei LaufrĂ€dern berĂŒhrt den Boden in zwei Punkten. Der Abstand dieser Punkte heißt Radstand. In einer Kurve neigt sich das Rad in Kurvenrichtung, der Schwerpunkt wandert dabei in die selbe Richtung. Je grĂ¶ĂŸer der Radstand, desto grĂ¶ĂŸer ist der Weg des Schwerpunkts bei der Gewichtsverlagerung und damit die Zeit, um die fĂŒr eine Kurvenfahrt nötige Neigung zu erreichen. Das etwas trĂ€ge Verhalten von RĂ€dern mit langem Radstand, etwa Tandems, lĂ€sst sich hierdurch erklĂ€ren.

Ein Fahrrad mit weit auseinanderstehenden LaufrÀdern ist weniger wendig, bleibt aber der Richtung treu. Mit nahe beieinanderstehenden LaufrÀdern reagiert es schneller auf Lenkbewegungen, dabei stellt sich aber ein eher nervöser Geradeauslauf ein. Seine Wendigkeit wird beim Rennrad genutzt.

Vor allem nicht betont sportlich konstruierte FahrrĂ€der haben einen Radstand von deutlich ĂŒber 1 m, ein Tandem gar 2 m. In Wettbewerben verwendete RennrĂ€der weisen i.d.R. einen Radstand von 97–100 cm auf.

Um den Radstand zu messen, misst man die Entfernung der Radmittelpunkte (Nabenachsenmittelpunkt) bei geradeaus ausgerichtetem Lenker, die die gleiche Entfernung haben wie die Aufstehpunkte am Boden.

[Bearbeiten] LaufradgrĂ¶ĂŸe und -gewicht

Je grĂ¶ĂŸer im Durchmesser und schwerer die RĂ€der sind, desto grĂ¶ĂŸer sind die Kreiselmomente. Bei einem normalen Gebrauchsrad (Laufraddurchmesser 60 cm, Masse 1 kg) sind die Kreiselwirkungen etwa fĂŒnfmal so groß wie bei einem Kinderrad (30 cm; 0,4 kg). Korrekterweise hĂ€ngt das Kreiselmoment natĂŒrlich nicht von der Masse des Laufrades sondern von der Verteilung der Masse im Laufrad ab; beispielsweise hat ein Laufrad mit einer „schweren“ Felge ein grĂ¶ĂŸeres Kreiselmoment als ein gleich schweres Laufrad mit einer „leichten“ Felge mit einer „schweren“ Nabenschaltung. Konstruiert werden FahrrĂ€der aber eher unter dem Gesichtspunkt des Energiesparens und daher so leicht wie möglich.

[Bearbeiten] AbrollflÀche

Bei Geradeausfahrt entspricht die Form der AbrollflÀche der Reifen einem Zylindermantel, bei einer Radneigung einem Kegel. Ein gerollter Kegel kreist um sein spitzes Ende. So ist ein Steuern durch SchrÀglage möglich, der Effekt ist jedoch gering.

[Bearbeiten] Vorderradabsenkung

Einen sehr geringen Einfluss haben der Vorbau und Lenkkopf. In Geradeausstellung hat er die höchste Lage und damit grĂ¶ĂŸte potentielle Energie. Der Zustand niedrigster Energie wird angestrebt, daher werden LenkeinschlĂ€ge durch die Vorderradabsenkung verstĂ€rkt. Bei einem Lenkwinkel von 8° betrĂ€gt diese nur 0,15 mm.

[Bearbeiten] Sitzposition

Verlagert der Fahrer sein Gewicht auf das Hinterrad, sind geringere LenkkrĂ€fte nötig. Dies fĂŒhrt allerdings zu Übersteuern und flatterigem Fahrverhalten aufgrund zu weiter oder zu schneller Richtungskorrekturen. Beugt man sich vor und belastet das Vorderrad, sind grĂ¶ĂŸere LenkkrĂ€fte nötig. Man untersteuert und erreicht ein schwankendes Fahrverhalten wegen zu spĂ€ter und geringer Korrekturen.

Als Erfahrungswert gilt, dass ein ausgewogenes Fahrverhalten gewĂ€hrleistet ist, wenn 55 bis 60 % des Gesamtgewichts von Fahrrad und Fahrer auf dem Hinterrad lasten.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Michael Gressmann: Fahrradphysik und Biomechanik. Kiel: Moby Dick Verlag, 2002, ISBN 3-89595-023-8
  • Frank Bollerey: Das Problem des Gleichgewichts beim Fahrradfahren aus physikalischer Sicht. Diplomarbeit, UniversitĂ€t Kassel, 1999
  • Hans Joachim Schlichting: Zur Gleichgewichtsproblematik beim Fahrradfahren. In: technic-didact 9/4, S. 257, 1984. (Download 57kB pdf)
  • Roger Erb: Zum Problem der StabilitĂ€t beim Fahrradfahren. In: MNU 5/54 (2001), 279–284. (Download 320kB pdf)
  • [1] David E. H. Jones: The Stability of the Bicycle. In: Physics Today 23 (April 1970) S. 34–40. (Download 9MB pdf englisch)
  • [2] Felix Klein, Arnold Sommerfeld: Über die Theorie des Kreisels. S. 863–884 (1897). Stuttgart: Teubner, 1965

[Bearbeiten] Weblinks

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