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Begriffsbildung
Unter Begriffsbildung versteht man das Nachvollziehen und Erzeugen von Begriffen, denen immer der Prozess des Abstrahierens oder der Determination vorausgeht.
[Bearbeiten] EinleitungDie Begriffsbildung gilt als ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Sie wird vornehmlich in der pädagogischen Psychologie untersucht. In der Didaktik werden Modelle aufgestellt, wie Begriffe zu vermitteln seien. Neben der großen Bedeutsamkeit der Begriffsbildung für das Lernen, spielen Begriffe in der Wissenschaftssoziologie und der Alltagssoziologie eine wichtige Rolle. Begriffe, ihre Wirkung und die Methoden ihrer Herstellung sind zudem zentrale Aspekte der Philosophien. Ein Begriff wie der der Begriffsbildung verlangt also eine interdisziplinäre Herangehensweise. [Bearbeiten] Aeblis Theorie der Begriffsbildung[Bearbeiten] Psychische Funktionen des Begriffs„Der Begriff ist das Werkzeug, mit dem wir die Wirklichkeit deuten.“, heißt es bei Aebli (1994, 83) lapidar. Leistungen des begrifflichen Denkens seien (Aebli 1994, 84):
Neben diesen Leistungen haben Begriffe, laut Aebli, aber noch weitere Funktionen: Sie haben, im Gegensatz zum Handeln, keinen unmittelbaren Nutzen, und sollen statt dessen „dem erkennenden Geist ein Stück Wirklichkeit fassbar machen“. „Das Anliegen ist dasjenige der Transparenz und der Konsistenz der Darstellung.“ (Aebli, 1994, 84) Begriffe sind „Reinigungen“, Abstraktionen von der konkreten Realität. Sie bilden eine Struktur ab, deren wesentliches Merkmal es ist, unzeitlich, zeitlos oder überzeitlich zu sein. Selbst aus Vorgängen werden, bilden sie sich in Begriffen ab, „quasi-dingliche Gegebenheiten“. (Aebli 1994, 84f.) [Bearbeiten] BegriffsbildungAebli definiert die (Aufgabe der) Begriffsbildung folgendermaßen: „… ein Gefüge von Beziehungen innerhalb von Handlungen, von sachlichen Gegebenheiten oder irgendwelcher anderer Aspekte der Wirklichkeit zu objektivieren, d. h. in eine quasi-gegenständliche Form zu überführen.“ (Aebli 1993, 23) Weiter zeigt Aebli, dass sich ein Begriff aus einzelnen Elementen zusammensetzt, die er als Rollen oder Aktanten bezeichnet (Aebli, 1993, 111ff.). Diese werden im Zuge der Begriffsbildung aus bereits erkannten Elementen zusammengezogen und in ein neues Schema gebracht. Dies lässt sich recht einfach nachvollziehen: Habe ich die Vorstellung von verschiedenen Blumen, einer Schnur, einem Geschenk, usw., kann ich daraus einen Begriff „Schenken eines Blumenstraußes“ zusammenziehen. Abstrahiert wird von biologischen und wirtschaftlichen Aspekten, die zwar beim Überbringen des Blumenstraußes durchaus eine Rolle spielen mögen, aber nicht zum Begriff selbst gehören. Begriffe koordinieren so z. B. Handlungen im Voraus und haben deshalb einen engen Bezug zur Planungsfähigkeit und zur Problemlösung. Sie lassen sich aber auch rasch situativ übertragen, je nachdem, ob der Strauß der Chefin, der Freundin oder der Mutter geschenkt werden soll und zu welchem Anlass dies geschieht. Diese Konkretisierung der Begriffsbildung aus einem abstrakteren Begriff führt dann z. B. zu dem neuen Begriff „der Chefin einen Blumenstraußes schenken anlässlich des Versterbens ihres Mannes“. Wesentliche Aspekte der Begriffsbildung sind also:
Dieser letzte Punkt nennt sich auch Rollenzuweisung. [Bearbeiten] RollenzuweisungZentral legt Aebli auf diese Rollenzuweisung Wert. Sie prägt die Handlungsmöglichkeiten, die mit einem Begriff möglich sind, vor. Nehmen wir noch einmal unser oben gegebenes Beispiel, so ist die Frage nach dem Handelnden nur implizit im Begriff festgelegt, in dem Fall aber, dass es mich persönlich betrifft, bin ich der Handelnde und weise mir diese Rolle zu. Dies zeigt, dass der Begriff zunächst noch abstrakt gefasst ist, aber implizit schon diese Rolle enthält, die man dann konkretisieren kann. Zudem enthält der Begriff weitere Rollen (wem? der Chefin; weshalb? anlässlich des Versterbens ihres Mannes; was? einen Blumenstrauß). Begriffsbildung ist deshalb Rollenklärung. Rolle bezeichnet dabei keine soziologische Komponente, sondern eine psychologische Komponente, eine Art semantischen Bestandteil im Denken. Mit Rolle ist aber auch nicht gemeint, dass diese nur in einem Satz vorkommen (dies wären Kasusrollen). Bestandteile einer Spiegelreflexkamera in ihrer Wirkung zueinander können nicht in einem Satz ausgedrückt werden, bilden aber zusammen den entsprechenden Begriff. Es muss, im Zuge der Begriffsbildung geklärt werden, welche Rolle die Teile füreinander „spielen“ (Koordination). Darstellbar ist dies in einem semantischen Netz anhand semantischer Rollen. [Bearbeiten] KritikAeblis Vorgehen bereitet einige gravierende methodische Schwierigkeiten, die hier kurz angesprochen werden sollen:
Aebli hat, so scheint es, sich hierbei zu sehr von wissenschaftlichen Methoden der Objektivierung und Darstellung leiten lassen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass dies nur ein sehr kleiner Aspekt der Ordnung psychischen (und sozialen) Wissens ist. Gleichwohl liefert er gerade dadurch viele Anregungen, wie Begriffsbildungen in Schule und Studium geleistet, operationalisiert und objektiviert werden können. [Bearbeiten] AusblickUm psychische Begriffsbildungen genauer fassen zu können, sollte man von einigen Hypothesen ausgehen, die zum einen einen möglichen Theorieentwurf betreffen, zum anderen mögliche Forschungsprojekte:
[Bearbeiten] Literaturverzeichnis
[Bearbeiten] Adorno: Demontagen[Bearbeiten] Zweifel am Begriff„Die begrifflichen Gehäuse, in denen, nach philosophischer Sitte, das Ganze sollte untergebracht werden können, gleichen angesichts der unermesslich expandierten Gesellschaft und der Fortschritte positiver Naturerkenntnis Überbleibseln der einfachen Warenwirtschaft inmitten des industriellen Spätkapitalismus.“ (Negative Dialektik [ND], S. 15) Identität. – Adorno denunziert den Begriff als scheinhaft. Dieses Scheinhafte ist durch seine angebliche Identität mit der Sache selbst gegeben. Dabei ist aber diese Identität keine Verfehlung, sondern dem Denken immanent: „Denken heißt identifizieren.“ (ND, S. 17). Die begriffliche Ordnung überformt und verdrängt die begreifbare Welt und stellt damit das Denken still (ND, S. 16f). Zwangscharakter. – Begriffe sollen nach der Norm der adaequatio den Satz vom ausgeschlossenen Dritten verwirklichen (ND, S. 17). Dieses Prinzip schiebt alles Nicht-Identische beiseite und wendet sich damit auch gegen das „objektive“ Denken selbst: „Was an dem zu Begreifenden vor der Identität des Begriffs zurückweicht, nötigt diesen zur outrierenden Veranstaltung, dass nur ja an der unangreifbaren Lückenlosigkeit, Geschlossenheit und Akribie des Denkprodukts kein Zweifel sich rege.“ (ND, S. 33) Widerspruch. – Was der Begriff ausschließt, taucht trotzdem wieder auf, diesmal aber als Widerspruch (ND, S. 17): „Er ist Index der Unwahrheit von Identität, des Aufgehens des Begriffenen im Begriff.“ (ND, S. 16) Versöhnung. – Um dieser Unwahrheit zu entkommen und nicht selbst dem Zwangscharakter der Identität zu verfallen, soll die Versöhnung angestrebt werden: „Diese gäbe das Nichtidentische frei, entledigte es noch des vergeistigten Zwanges, eröffnete erst die Vielheit des Verschiedenen, über die Dialektik keine Macht mehr hätte. Versöhnung wäre das Eingedenken des nicht länger feindseligen Vielen, wie es subjektiver Vernunft anathema ist.“ (ND, S. 18) Dialektik. – An dieser Stelle greift dann eine Paradoxie, die Adorno in der Negativen Dialektik zu entfalten versucht. Die Dialektik folgt auf der einen Seite dem Zwangscharakter der Logik, aber auf der anderen Seite demontiert sie gerade diesen Zwangscharakter noch, indem sie 1.) der Entfaltung der Differenz von Allgemeinem und Besonderen folgt, und 2.) diese Entfaltung selbst noch als Allgemeines sieht und dies mit dem Besonderen vermittelt. Die Dialektik wendet sich so gegen sich selbst und zerstört sich, indem sie sich rigoros ausübt. (ND, S. 18) „Die Arbeit philosophischer Selbstreflexion besteht darin, jene Paradoxie auseinanderzulegen.“ (ND, S. 21) [Bearbeiten] Nicht Begriffsbildung, sondern BegriffsdemontageUmdrehen. – Die Begriffe entstehen aus dem Nichtbegrifflichen (ND, S. 23). Diese Bewegung muss in der Dialektik nun umgedreht werden: „Philosophische Reflexion versichert sich des Nichtbegrifflichen im Begriff.“ (ND, S. 23) und: „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen. … Diese Richtung der Begrifflichkeit zu ändern, sie dem Nichtidentischen zuzukehren, ist das Scharnier negativer Dialektik.“ (ND, S. 21f) Blick auf die Sachen. – Wie nun sieht ein solches Umdrehen aus? Adorno gibt darauf keine einfache Antwort, aber Leitlinien. Zunächst gilt der Blick den Sachen selbst und der Gedanke habe vor diese keine befriedenden Begriffe zu schieben, sondern sich zu entäußern, mit spekulativer Kraft noch das Unauflösliche der Identität des Gegenstands mit seinem Begriff zu sprengen (ND, S. 38). Pole. – Die beiden Pole, zwischen den Adorno hin- und herchangieren will, sind Einsicht in Wirkliches und das Spiel (ND, S. 26). Damit will er zum einen verbindlich bleiben, zum anderen aber dem Zwangscharakter entgehen. „An [der Philosophie] ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen“ (ND, S. 27). Dabei zieht Adorno Parallelen zu dem Pragmatismus und der Skepsis Deweys: man muss sich in die Erkenntnis engagieren, aber um ihr Fehlgehen wissen (ND, S. 25). Alogisches. – Adorno kommt immer wieder auf die Demontage der Logik zurück: Das Spiel bleibt notwendiger Bestandteil, auch wenn es clownesk, willkürlich, alotria ist. Dieses Spiel aber als Moment der Wirklichkeit zu begreifen, ist durch die Dialektik einzuholen und aufzugeben. Dies kommt – vielleicht neben den Gedanken zu Auschwitz (ND, S. 354ff) eine der berührendsten Stellen im Buch – im Selbstübersteigen des Gedankens zum Ausdruck: „Worin der Gedanke hinaus ist über das, woran er widerstehend sich bindet, ist seine Freiheit. Sie folgt dem Ausdrucksdrang des Subjekts. Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit. Denn Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet; was es als sein Subjektivstes erfährt, sein Ausdruck, ist objektiv vermittelt.“ (ND, S. 29) und etwas weiter sagt Adorno dazu, zirkulär argumentierend: „Ausdruck und Stringenz sind ihr keine dichotomischen Möglichkeiten. Sie bedürfen einander, keines ist ohne das andere. Der Ausdruck wird durchs Denken, an dem er sich abmüht wie Denken an ihm, seiner Zufälligkeit enthoben.“ (ND, S. 29) Modelle. – Der Begriff, der in das Argument ebenso eingebunden ist wie in den Ausdrucksdrang, wird von beiden überstiegen. Negative Dialektik versucht die Argumente ebenso zu entfalten, wie den Ausdrucksdrang dialektisch einzuholen. Dass sie dabei selbst argumentiert, dass sie dabei selbst einem Ausdrucksdrang folgt, macht ihr die totale Erkenntnis zu einer Utopie. Fragmentierte Erkenntnis ist schließlich das, was der Philosophie noch taugt: „Die Forderung nach Verbindlichkeit ohne System ist die nach Denkmodellen. … Das Modell trifft das Spezifische und mehr als das Spezifische, ohne es in seinen allgemeineren Oberbegriff zu verflüchtigen. Philosophisch denken ist soviel wie in Modellen denken; negative Dialektik ein Ensemble von Modellanalysen. Philosophie erniedrigte sich erneut zur tröstlichen Affirmation, wenn sie sich und andere darüber betröge, dass sie, womit immer sie ihre Gegenstände in sich selbst bewegt, ihnen auch von außen einflößen muss.“ (ND, S. 39) Konstellation. – Eines dieser Modelle wird durch den Begriff der Konstellation bezeichnet. In der Konstellation wird nicht durch Abstraktion ein neuer Oberbegriff gebildet, sondern die Begriffe treten in Beziehung zueinander, „zentriert um die Sache selbst“ (ND, S. 164). „Konstellationen allein repräsentieren, von außen, was der Begriff im Innern weggeschnitten hat, das Mehr, das er sein will so sehr, wie er es nicht sein kann. Indem die Begriffe um die zu erkennende Sache sich versammeln, bestimmen sie potentiell deren Inneres, erreichen denkend, was Denken notwendig aus sich ausmerzte.“ (ND, S. 164f) Essay. – Ein anderes Modell ist der Essay (Adorno: Der Essay als Form): In seiner Entfaltung tauchen alle Elemente der negativen Dialektik wieder auf.
[Bearbeiten] ZusammenfassungStatt Begriffsbildung betreibt Adorno eine Begriffsdemontage. Begriffe gehen nicht in den Sachen auf. In der Kritik der Begriffe sei auf das Unbegriffliche zu zielen. Die Einbindung der Begriffe in die Argumente und den Ausdruck gehe über diese ebenso hinaus. Die zirkuläre Bewegung entspreche der Konstellation von Begriffen und der Demontage ihres Identitätszwanges ebenso, wie der Demontage des logischen Zwangscharakters. Ihre philosophische Form ist das Modell, bzw. der Essay, die Einsicht in Wirkliches will, über die Logik der Dialektik verbindlich bleibt, durch das Spiel die Freiheit des Ausdruckswillens achtet. [Bearbeiten] Literaturverzeichnis
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